Category: Pagan Parenting

Geschichte: Wie die Tochter der Lüfte den Kosmos formte – ein finnischer Mythos für Kinder erzählt

3. März 2018

Einst gab es nur Wasser und Wind. Leben gab es keines, wie wir es kennen. Mit dem Wind dahin trieb die Ilmatar, die Lüftetochter, durch die Leere. Es gab gar nichts zu gucken, nichts zu erleben. Es gab einfach nichts. So ging es für lange Zeit. Irgendwann wurde es dem Mädchen zu langweilig. Sie ließ sich hinab auf die Wellen sinken. Da kam ein Sturm auf: Der Wind tobte, das Meer brauste und die Wellen umspülten sie. Der Ostwind verband sich mit der rauen See und hauchte ihr Leben ein: Die junge Frau wurde schwanger.

Ihre Schwangerschaft dauerte lange: 700 Jahre trieb die Lüftetochter über das Meer, alle Ecken des Ozeans besuchte sie, aber das Kind wollte nicht kommen. Irgendwann wurden ihr die Schmerzen zuviel und sie klagte dem Universum ihr Leid: „Wieviel besser wäre es jetzt, mit dem Wind dahin zu fliegen, als hier im Wasser darauf zu warten, dass mein Kind geboren wird. Ich arme Wassermutter!“ Und sie bat Ukko, den Gott des Himmels, um Hilfe.

Ukko hörte ihre Klage, und er hatte Mitleid mit ihr. Er sandte eine Ente, ein Tier des Wassers und der Luft, hinab zu ihr. Die Ente flog über das Meer und suchte nach einem Plätzchen, wo sie ihr Nest bauen könnte. Aber weit und breit war keine Insel zu sehen, kein sicherer Fleck.

Schließlich erspähte der Vogel doch noch einen Ort, den er für einen grasbewachsenen Hügel hielt. Es war das Knie der Wassermutter, denn das war nun Windstochters neuer Name. Dort ließ die Ente sich nieder und baute ihr Nest. Sie legte sechs goldene Eier und ein siebtes aus Eisen, setzte sich auf das Nest und begann eifrig zu brüten. Sie brütete einen Tag, zwei Tage, drei Tage.

Am dritten Tag hielt die Wassermutter die ungewohnte Hitze auf ihrem Knie nicht mehr aus. Sie reckte und streckte sich und schüttelte ihre Glieder. Dabei fielen die Eier ins Wasser und zerbrachen. Doch was für ein Glück: Die Stücke der Schale verkamen nicht etwa im Schlamm am Meeresgrund, sondern aus dem unteren Schalenstück wurde die Erdkrümmung und das obere Stück formte die Himmelswölbung. Das Eigelb blieb am Himmel und wurde zur Sonne. Das Eiweiß verwandelte sich in Mond und kleine Schalensplitter in Sterne. Dunkle Schlieren wurden zu Wolken am Himmel.

Schließlich, im zehnten Sommer, spürte die junge, schöne Frau, wie sich in ihr etwas regte: Die Wehen setzten ein, und sie wand sich hin und her.

Wo sich ihre Hand festkrallen wollte, formten sich Landspitzen. Wo ihr Fuß lag, entstanden Senken, in denen Fische leben konnten und Schluchten, in denen sich Lachse zu Hause fühlen konnten. Tiefe Meeresschluchten bildeten sich, wo ihr Körper im Wasser versank. Dort, wohin sich ihre Hüfte drehte, tauchten flache Uferstrände aus dem Wasser auf, und wenn sie ihren Kopf dem Land entgegenstreckte, formten sich breite Buchten. Zwischen den Wehen ruhte sie sich aus, und trieb ein wenig weiter aufs Meer hinaus. Dabei entstanden Klippen und gefährliche Riffe im Meer, die später noch oft Schiffen zum Verhängnis werden sollten.

So schuf sie Inseln mit Feldern und Wiesen und mit felsigen Gebirgen, die zum Himmel aufragten.

Und doch dauerte es insgesamt 30 Jahre, bis Wäinämöinen, der Sänger, endlich geboren wurde! Lange wartete er darauf, dass Sonne, Mond und Sterne ihm in Bauch seiner Mutter scheinen würden. Doch nichts geschah.

Endlich, endlich fasste das Kind seinen ganzen Mut zusammen und verließ die dunkle Enge des Mutterleibs. Mit aller Kraft durchstieß es die Pforte und stürzte sich kopfüber in die Wellen.

Acht weitere Jahre dauerte es, bis das Kind schließlich eine Landzunge erreichte und an Land ging. Staunend blickte Wäinämöinen zum Himmel empor und bewunderte Sonne, und Mond und die Sterne des Großen Bären, die nun auf ihn herableuchteten. Wäinämöinen, den man später den Weisen nennen sollte, was geboren! Und auf diesem Weg gab Ilmatar, die Wassermutter und Lüftetochter, auch dem Kosmos, wie wir ihn kennen, seine Form.

(free retold, based on „Kalevala.“, Rune 1, translated by Anton Schiefner, Bibliotheca Augustana. N.p., n.d. Web. 24 May 2017.

Geschichte: Warum es Winter wird – ein griechischer Mythos für Kinder erzählt

3. März 2018

Die griechische Göttin Demeter ist die Göttin der Ernte. Selbst hatte sie aber nur eine Tochter, Persephone, die sie sehr liebte. Persephone war sehr hübsch, Als sie eines Tages fröhlich vor sich hin tanzte und Blumen pflückte, sah sie der Gott Hades. Hades herrschte über die Unterwelt und wirkte immer sehr finster und mürrisch. Hades beobachtete Persephone und verliebte sich in sie. Er fand sie toll, aber er wusste, dass es schwer für ihn werden würde, Persephone davon zu überzeugen, dass er der Richtige für sie wäre. Auch Zeus, sein Bruder, konnte oder wollte ihm keinen Rat geben.

Kurz entschlossen lockte er Persephone in eine Falle und entführte sie in sein Reich.

Nach einiger Zeit machte Demeter sich Sorgen um ihre Tochter. Sie war nun schon ein ganze Weile weg, ohne Bescheid zu sagen. Demeter machte, was alle Mütter tun: Sie zog los und fragte alle Leute, die sie traf, ob sie ihre Tochter gesehen hätten.Neun Tage lang irrte sie mit einer Fackel in der Hand umher. Schließlich erzählte ihr Hekate, dass Persephone entführt worden sei. Aber auch sie wusste nicht, wer der Übeltäter war. Zusammen suchten sie weiter und trafen Helios, den Sonnengott. Er hatte die Tat beobachtet und nannte ihnen Hades.

Demeter wurde böse und sehr, sehr traurig. Hades war der Bruder von Göttervater Zeus. Dieser würde nichts gegen seinen Bruder unternehmen. Demeter wollte mit den anderen Göttern nichts mehr zu tun haben. Sie zog eine Weile in der Welt der Menschen umher.

Aber sie vermisste ihre Tochter immer noch. Und weil sie so traurig war, befahl sie den Pflanzen, dass sie nicht mehr wachsen sollten. Bald war alles Grün vertrocknet undes gab nichts mehr zu essen. Die Menschen machten sich Sorgen und beteten zu den Göttern, denn eine Hungersnot bedrohte die Erde.

Auch Zeus beobachtete das Ganze mit Sorgen. Was sollten die Götter tun, wenn es keine Menschen mehr gäbe, die ihnen Weihrauch schickten und zu ihnen beten würden? Es musste etwas geschehen. Zeus beauftragte Hermes, den Götterboten, zu Hades zu gehen. Er sollte ihn überreden, Persephone gehen zu lassen.

Hades willigte ein. Doch bei Abschied überredete er sie ein paar Granatapfelkerne zu essen um sich zu stärken. Es ist aber so, dass jeder, der etwas von dem Essen der Unterwelt gegessen hat, an das Totenreich gebunden ist.

So konnte Persephone zwar zu ihrer Mutter zurückkehren, die sich freute und zur Erleichterung aller die Pflanzen wieder wachsen ließ. Doch jedes Jahr muss sie für vier Monate zu Hades in die Unterwelt ziehen. In dieser Zeit trauert Demeter und alles Leben ruht. Dann ist bei uns Winter.

Aber im Frühling kehrt Persephone wieder an die Erdoberfläche zurück und bringt die Sonne und die Blumen mit sich.

Iris und der Regenbogen

4. Februar 2018

Eines Tages gab es einen heftigen Streit zwischen zwei griechischen Stadtstaaten um einen Grenzstein. Jeder Staat behauptete der andere haben den Stein zu seinen Gunsten verschoben. Ein Wort gab das andere, und so drohte bald ein Krieg.

Hera, die Göttin der Ehe und Familie, hatte einige Lieblinge in beiden Städten, die ihr sehr am Herzen lagen. Sie sah die Entwicklung mit großer Sorge, denn sie wusste, wie viele Familien in beiden Orten lebten. So viele Ehen würden zerstört, so viele Familien auseinander gerissen! Das konnte sie so nicht zulassen.

Also schickte Hera ihre Botin Iris mit einer Nachricht zu den Stadtvätern. „Die Göttin Hera lässt euch sagen, dass ihr die Situation überdenken sollt! Einen Krieg heißt sie nicht gut, und sie würde es euch sehr übel nehmen, wenn ihr ihren Wunsch missachten solltet!“

Das löste einiges Stirnrunzeln auf beiden Seiten aus. Hera war immerhin die Frau von Zeus und eine mächtige Göttin. Sie zu verärgern konnte nicht gut sein! Niemand wollte Stress mit den Göttern!

„Aber was sollen wir tun?“, fragten sich die Räte in beiden Orten. „Die anderen haben angefangen. Wir können nicht zulassen, dass sie ihren Willen bekommen. Wer sollte uns dann noch respektieren?“

Iris seufzte leise in sich hinein. Immer das Gleiche….

„Hera verlangt nicht, dass ihr einfach so aufgebt. Aber sie bittet euch darum, die Gaben zu nutzen, die ihr von den Göttern erhalten habt.“

„Welche Gaben?“, fragte ein dicker Rat, der sich zu fragen begann, wie groß seine Lebensmittelvorräte wohl sein mochten, und ob sie für einen Krieg ausreichen würden.

Es war ein warmer, sonniger Tag, und die Sitzung fand im Innenhof des Hauses eines der Räte statt. Dort stand auch ein wunderschöner Springbrunnen, der sein Wasser in kleinen Stößen in die Luft spie. Iris trat zum Brunnen und hielt ihre Hand mit der Innenfläche nach oben ins Wasser.

Ein roter Strahl erschien und krümmte sich von ihrer Handfläche fort zu den Ratsmitgliedern, die erschrocken zurückwichen.

„Die Götter gaben euch Liebe und Fruchtbarkeit. Ihr seid ein großes Volk mit reichen Feldern und einem gut besuchten Hafen. Eure Paare erfreuen sich der gegenseitigen Zuneigung und ihr habt zahlreiche Kinder, die die kommende Generation sichern.“

Ein zweiter Strahl erschien unter dem ersten, diesmal in orange.

„Die Götter gaben euch Freude. Fast täglich findet irgendwo in der Stadt ein Fest statt. Ihr keltert einen hervorragenden Wein und genießt das Leben in vollen Zügen.“

Dabei zwinkerte sie dem dicken Ratsherrn zu, der prompt errötete.

Ein dritter Strahl erschien, leuchtend gelb wie die Sonne:

„Die Götter schenkten euch Erfolg, Willenskraft und Ausdauer. Eure Geschäfte gehen gut und Armut hat in eurem Ort keinen Platz. Eure Häuser sind groß, eure Frauen mit teurem Schmuck bekleidet.“

Der Ratsherr, dem das Haus gehörte, nickte leicht.

Ein vierter Strahl gesellte sich zu den anderen, nun ein grüner Strahl:

„Die Götter schenkten euch Gesundheit und Heilung. Wie viele Jahre ist er her, dass eure Stadt von einer Seuche heimgesucht wurde. Eure Kinder werden groß und stark, und eure alten Leute altern in Würde, statt dahinzusiechen. Die Heilquelle am Apollotempel findet regen Zuspruch.“

Ein fünfter Strahl in tiefem Blau kam hinzu, und Iris sprach schnell weiter:

„Verstand schenkten euch die Götter, und Kreativität. Es sind keine Dummköpfe, die hier sitzen, und eure Stadt ist erfüllt von den schönsten Künsten, die man sich denken kann. Statuen, Brunnen, Gemälde findet man an jeder Ecke, dazu diskutierende Philosophen, Sänger, Tänzer und Schauspieler, die die Sinne erfreuen.“

Ein Murmeln setzte ein, verebbte jedoch, als Iris weitersprach und einen violetten Strahl dem blauen hinzufügte:

„Die Götter gaben euch Visionen. Ihr, die ihr hier sitzt: Wo seht ihr eure Stadt in einigen Jahren? Wie stellt ihr euch eure Zukunft vor? Was wird man später über euch sagen?“

Ein Regenbogen spannte sich von Iris’ Hand aus den versammelten Räten entgegen, voller Verheißungen. Die Räte starrten darauf, und keiner traute sich, laut etwas zu sagen. Schließlich fasste sich der älteste und erwiderte der Göttin:

„Herrin Iris, wir haben eure Worte gehört und sie waren weise. Wir werden uns noch einmal beraten und sicher eine Lösung finden, die alle Seiten zufrieden stellt.“

Iris lächelte fein. Ein goldener Strahl schoss aus ihrer Handfläche und webte feine, fast unsichtbare Spiralen um die anderen Bögen. Der Regenbogen wurde größer und größer: Er dehnte sich aus, bis er sich schließlich über der Stadt spannte und sein eines Ende wies in die Richtung des anderen Staates.

„Das wird Hera sehr freuen, und mich auch. Ich lasse euch diesen Bogen zur Erinnerung an den Segen, den ihr erhalten habt und der euch weiterhin zuteil wird. Und zur Erinnerung daran, was ihr mit diesen Gaben Sinnvolles anfangen könnt.“

So geschah es in beiden Städten: Beide Räte kamen erneut zusammen, Unterhändler trafen sich, Verhandlungen wurden geführt und schließlich erhielten die einen einen Wald, der ihnen sehr zusagte, die anderen gute Bedingungen für die Hafenzölle und auf dem Gebiet, um das man sich gestritten hatte, bauten beide Staaten gemeinsam einen Heratempel.

Der Regenbogen verblasste nach einer Weile, aber bei jedem größeren Regen hielten die Bewohner beider Städte danach Ausschau und dachten, wie viel Glück sie doch gehabt hatten.

 

Ich mag Regenbögen. Ich weiß, dass es sich um ein meteorologisches Phänomen handelt, aber sie lassen sich so schön symbolisch benutzen, und den Menschen vergangener Tage sind sie sicher wie ein kleines Wunder erschienen.

27. Januar 2018

Wegen des Hochfestes bzw. weil ich mich entschieden habe, das Ritual von 2017 zu wiederholen, gibt es hier kein separates Gebet.

 

There is no special prayer for this week because I will use my ritual script from 2017.

 

Imbolc Altar 2018

Wie der Regenbogen an den Himmel kam oder Der Kampf zwischen Taranis und Cernunnos

3. Dezember 2017

Zu jener Zeit wanderten die die Götter noch oft über die Erde und lebten zwischen den Menschen. Taranis, der Donnernde, der Gott, der durch seine Regengüsse und Frühjahrsgewitter die Felder fruchtbar machte, streifte mit seinem Wagen umher und sah danach, dass alles seine Ordnung hatte.

Bei seiner Fahrt macht er einmal Halt in einem weiten Tal. Die Luft war mild, die Felder wurden langsam grün – Taranis war zufrieden.

Da ertönte ein Donnern und Brausen – und es stammte nicht von ihm! Überrascht und auch ein wenig verwirrt blickte er um sich.

In der Ferne, wo die Berge zu sehen waren, erhob sich im Flussbett eine hohe bräunliche Welle. Eine riesige Wasserwalze kam den Fluss herab und riss alles am Ufer mit sich. Zurück blieb ein schlammiger Sumpf, der weit über die Ufer des Flusses hinaus ins Land reichte. Gleichzeitig fielen orkanartige Regengüsse vom schwarz gewordenen Himmel.

Taranis runzelte verärgert die Stirn. Wo kam das her? Wer wagte es, dermaßen Chaos zu stiften und die Ordnung zu bedrohen? Er sprang in seinen Wagen und eilte durch die Sturmfront hindurch zum Himmel hinauf. Von hier oben hatte er einen besseren Überblick und da er ja selbst ein Sturmgott war, konnte ihm das Unwetter wenig anhaben.

Die Flutwelle war inzwischen weitergezogen und hatte weitere Landstriche verwüstet. Taranis sah, dass sie ihren Ursprung in den Bergen hatte, wo Schnee und Gletscher zu rasch geschmolzen waren und die Flüsse und Seen gefüllt hatten. Und er sah auch, wer dafür verantwortlich sein musste.

Dort, wo die Menschen mit ihren Äckern und Feldern nicht hinkamen, wo nicht mal mehr vereinzelt Almhütten standen, dort stand Cernunnos, sein alter Freund, und trommelte mit seinen Hufen, der der Grund bebte.

Taranis schüttelte besorgt den Kopf. War es wieder so weit? Cernunnos war der Herr der ungezähmten Natur, er hatte immer schon etwas Chaotisches, Unberechenbares an sich gehabt. Er herrschte auch über die Unterwelt und ihre Reiche des Todes. Gleichzeitig galt er als derjenige, von dem die Menschen sich Reichtum und Fruchtbarkeit erhofften. Während eines Großteils der Zeit war das auch so, doch gelegentlich zeigte sich Cernunnos von einer anderen Seite. Wie viele der Tiere, die ihm umgaben, gab es Zeiten, in denen er einen Wandel durchmachte und sich erneuerte. Und bis diese Wandlung vollzogen war, nahmen seine bedrohlichen Seiten aus alter Zeit zu und er wurde zu einer Gefahr für die Welt. Dann war er unruhig, unbeherrscht und zerstörerisch in seinem Wirken.

Der Donnergott nickte vor sich hin. Seine Aufgabe war es, Cernunnos durch diese Phase zu helfen und seine Kräfte in Schach zu halten. Rasch griff er nach seinem Blitzbündel und machte sich auf den Weg.

Cernunnos hörte das Donnern, als sich der Wagen näherte. Er verwandelte sich in einen Hirsch und floh in den Wald. Zwischen den hohen Kiefernstämmen war es für Taranis schwer, mit seinem Wagen durchzukommen. So spannte er sein Pferd aus, sprang auf dessen Rücken und nahm so die Verfolgung auf. Er warf mit einem Blitz nach dem anderen Gott, aber dieser war schon zu weit voraus, und der Blitz verfehlte das Ziel.

Cernunnos wähnte sich erst mal in Sicherheit. Sein Kopf mit dem Geweih juckte so fürchterlich, daher rieb er sich an einem dicken Stamm. Doch er hatte nicht mit Taranis’ Hartnäckigkeit gerechnet. Dieser war den Spuren gefolgt und seine Beute aufgespürt.

Cernunnos verwandelte sich erneut, diesmal in eine Schlange. So, glaubte er, könne er dem Gegner besser entgegentreten.

Taranis’ Pferd bäumte sich auf, als die riesige Schlange ihn umkreiste. Mehrfach versuchte der Donnergott seinen Gegner zu erwischen, aber Cernunnos wich immer wieder geschickt aus. Schließlich warf Taranis wieder einen Blitz, aber diesmal wandte er sich sofort in die Gegenrichtung – und Cernunnos hatte das Gleiche getan, um dem Blitz auszuweichen. So ritt Taranis mit voller Kraft über den mächtigen Schlangenkörper seines alten Freundes.

Cernunnos krümmte sich, aber die Hufe des Pferdes hatten gut gezielt und ihn fast betäubt. Mit letzter Kraft schälte er sich aus seiner Schlangenhaut und glitt in ein Loch in der Erde.

Der Orkan nahm ab und verwandelte sich in einen leichten, feinen Regen. Gleichzeitig erschien die Sonne hinter einigen Wolken und sandte zaghaft erste Strahlen zur Erde herab.

Taranis hob die zurückgebliebene Schlangenhaut auf und hob sie triumphierend über den Kopf. Die Schuppen schillerten in bunten Farben, rot, gelb, grün, blau. Der Donnergott warf sie in die Luft, wo sie hängen blieb und eine großen Bogen formte. Zufrieden betrachtete Taranis sein Werk:

„Bleib da unten, bis du wieder bei Sinnen bist!“, rief er Cernunnos zu. „In dieser Welt ist kein Platz für dein Chaos.“

So geschah es, und als die Flüsse letztlich wieder in ihre Betten zurückgekehrt waren, zeigte sich an vielen Orten, dass sie unerwartete Schätze an Land gespült hatten: Mancherorts war der Boden nun viel nährstoffreicher als vorher, an anderen Stellen waren Schiffswracks mitsamt ihrer verbliebenen Fracht zugänglich geworden und vereinzelt zeigte sich eine Goldader, wo vorher nur Stein gewesen war. So hatte sich Cernunnos doch noch als gewinnbringender Gott erwiesen.

Die Schlangenhaut blieb als Regenbogen der Erde erhalten, zum Zeichen dafür, dass die Ordnung das Chaos bezwungen hat.

Taranis aber kehrte zufrieden an den Himmel zurück.

 

Diese Geschichte ist von vorne bis hinten eine freie Schöpfung meinerseits. Für viele Kulturen gibt es den Mythos vom Kampf zwischen dem Donnergott und der Chaosschlange oder dem Drachen oder etwas Ähnlichem. Thor gegen die Midgardschlange, Indra gegen Agni, Perún gegen Veles – und bei den Galliern möglicherweise Taranis gegen irgendwen. Dass es sich dabei um Cernunnos handelt, ist meine Version, und sie funktioniert für mich nur, weil ich die Beziehung zwischen den beiden Kampfgegnern als eine freundschaftliche darstelle, eher eine Art Freundschaftsdienst als ein Kampf auf Leben und Tod.

Wahr ist, dass es Säulen gibt, auf denen ein Gott, der als Taranis/Jupiter identifiziert werden konnte, eine gigantische Gestalt mit Schlangenkörper niederreitet und besiegt. Wahr ist auch, dass der Gott Cernunnos als eine ambivalente Gottheit bezeichnet werden kann. Ceisiwr Serith hat dazu eine schöne Analyse geschrieben. Es gibt Geschichten, die Cernunnos über sein Geweih mit der Hirschgestalt in Verbindung bringen. Nirgendwo wird hingegen behauptet, dass Cernunnos sich in eine Schlange verwandeln kann. Er hält wohl eine Schlange in der Hand. Ich habe mir hier Elemente der slawischen Variante ausgeliehen. Wichtig war mir, dass Cernunnos nicht als der Bösewicht von Dienst erscheint, sondern das Chaos nur ein zeitweiser Aspekt seiner Persönlichkeit ist. Darum kann man ihn dennoch verehren und respektieren, und er kann mit Taranis befreundet sein. Was nun den Regenbogen betrifft, nun ja, das nordische Pantheon hat Bifröst, und mir kam die Idee, dass der Regenbogen für die Gallier bestimmt auch eine besondere Bedeutung gehabt haben muss.

Der schlafende Fürst unterm Gochfortzberg

1. Dezember 2017

Um den Gochfortzberg bei Uedem ranken sich mehrere Sagen oder Geschichten. Eine davon ist diese hier, die eine deutliche Lokalvariante des Kyffhäuser-Mythos ist. Ich habe sie nur in Stichpunkten gehört und hier dementsprechend ausgebaut. In manchen Sagenvarianten gilt der Schläfer unter dem Berg als Friedensbringer, in anderen wird er erscheinen, wenn der Weltuntergang beginnt. Tatsächlich hat man auf dem Berg Spuren einer Besiedlung gefunden. Allerdings könnte es sich dabei auch um römische Hinterlassenschaften handeln.Trotzdem ist es eine nette Deutung und fügt sich gut in den Reigen der schlafenden Könige ein. Die Bedeutung der Vögel für das Ende der bekannten Ordnung kennt man auch vom englischen Tower.

 * * *

Gleich hinter Uedem, auf dem Weg nach Xanten, liegt eine Anhöhe mit dem Namen Gochfortzberg. Früher ragte sie vorne spitz aufs Land hinaus, aber dieser Vorsprung ist schon vor langer Zeit eingebrochen. Über den Berg führen geheimnisvolle Hohlwege und in den Sträuchern an den Hängen nisten zahlreiche Vogelarten. Es heißt, dass oben auf dem Berg einmal ein Fürst seine Burg gehabt habe und dort mitsamt seinem Gesinde bestattet worden sei. Davon ist jedoch nichts mehr zu sehen.

Unsere Geschichte spielt vor einem Jahrhundert oder zwei, genau weiß ich es nicht. Die Technik war jedoch noch nicht allzu weit fortgeschritten, und wer in den Nachbarort wollte, der konnte dies mit dem Pferd oder zu Fuß erledigen.

So geschah es, dass der Schmied von Kervenheim an einem grauen Nebeltag im September in der Dämmerung von Uedem nach Hause gehen musste. Er hatte einen wichtigen Auftrag in Uedem erledigt, aber nun wurde es spät und er wollte heim. Er war ein großer, kräftiger Mann, und die Dunkelheit konnte ihn nicht schrecken.

Sein Weg führte ihn am Gochfortzberg vorbei. Seine Laterne irrlichterte in den Hohlwegen und warf wirre Schatten auf den Boden, denn der Wind wehte recht ordentlich und die Bäume bogen sich hin und her. In der Ferne hörte er einen Hasen aufschreien. Vermutlich hatte ihn eine Eule erwischt.

Mit einem Mal rauschte es um ihn und ein schwarzer Vogelschwarm stieg auf und umringte ihn.

Erschrocken sprang der Schmied ins Gebüsch und duckte sich zwischen die Brombeersträucher. Die Vögel kreisten noch eine Weile und stiegen dann langsam immer höher, bis sie im Nebel und der frühen Dunkelheit nicht mehr zu sehen waren. Ihr Krächzen hallte dem Schmied jedoch weiter in den Ohren. Während er versuchte, sich aus den Dornenranken zu befreien.bemerkte der Schmied plötzlich etwas Glänzendes zwischen den Brombeersträuchern, etwas, das er dort noch nie zuvor gesehen hatte. Er hob seine Laterne und tatsächlich – er hatte sich nicht getäuscht. Unter den Beerenranken verborgen lag eine Tür, und nicht irgendeine: Diese war mit schweren Eisenbeschlägen versehen, die sehr kunstvoll gestaltet, aber an vielen Stellen schon verrostet waren. Der Schmied nickte beeindruckt: Da hatte ein Kollege sehr gute Arbeit geleistet. Aber warum, fragte er sich sodann. Neugierig schob er weitere Ranken beiseite und bald hatte er einen Türgriff freigelegt.

Vorsichtig zog er an dem Griff. Halb rechnete er damit, dass ihm der Griff verrostet in der Hand liegen bleiben würde. Aber die Tür öffnete sich fast geräuschlos und ein dunkler Gang tat sich vor ihm auf.

Nun war unser Schmied kein Ire: Die Geschichten von Feenhügeln waren ihm nicht vertraut, und so folgte er seiner Neugier und trat in den Gang. Und tatsächlich: Nach einigen Schritten erkannte er in der Ferne einen hellen Schimmer, und bald tat sich vor ihm ein Raum auf.

Das Gemach schimmerte golden, und nicht von ungefähr: Der Boden war mit feinsten Teppichen ausgelegt. Münzen, Schmuck und goldene Trinkpokale stapelten sich in Regalen an den Wänden rund herum. Am beeindruckendsten war jedoch der goldene Thron in der Mitte des Raums.

Der Schmied staunte nicht schlecht, als er entdeckte, dass der Raum keineswegs leer war. Ein Mann saß auf dem Thron, ein uralter Mann mit einem langen weißen Bart. Und neben dem Thron stand ein anderer Mann in einer Diener-Livree, wie sie vor einer Ewigkeit modern gewesen sein mochte. Beide schienen zu schlafen, aber als der Schmied näher trat, regte der Mann auf dem Thron sich und schlug die Augen auf. Seine Gesichtszüge glätteten sich und mit einem Mal schien er um Jahre jünger geworden zu sein. Der Mann richtete sich auf, und nun sah der Schmied, dass er einen mit Edelsteinen besetzten Stirnreif trug. Ehrfürchtig erstarrte er, doch der Mann hatte ihn gesehen und winkte ihm, näher zu kommen.

„Wie lange habe ich geschlafen?“, fragte er mit volltönender Stimme. „Ich, ich weiß es nicht, Herr.“, stotterte der Schmied. „Wie bist du hierher gekommen?“ „Durch die Tür. Da war eine Tür im Gestrüpp. Ich schwöre, dass die noch nie da war. Aber auf einmal sehe ich da Metall schimmern und-“ „Schon gut.“, winkte der Mann ab. „Die Tür zeigt sich nicht jedem. Du bist mit der Magie des Eisens vertraut, nehme ich an.“ „Von Magie weiß ich nichts.“, gab unser Schmied zurück, bodenständiger Niederrheiner, der er war. „Aber ich bin ein Schmied. Da lernt man das eine oder andere über Eisen.“

„So ist es.“, stimmte der Mann zu. „Sage mir: Fliegen die Vögel noch um den Berg?“

Der Schmied dachte an den Vogelschwarm, der ihm gerade um den Kopf gesaust war. „Das kann man wohl sagen.“

Da seufzte sein Gesprächspartner tief auf und sagte: „Dann muss ich noch weiterschlafen. Meine Zeit ist noch nicht gekommen.“

Der Schmied stutzte ob dieser Aussage, und tausend Fragen schossen ihm durch den Kopf, aber der alte Mann schloss die Augen.

„Mein Diener wird dich sicher nach draußen geleiten. Leb wohl, mein guter Schmied!“

Der Diener verneigte sich aber nur knapp, nahm die Lampe des Schmieds und eilte voraus. Am oberen Ende des Gangs gab er ihm die Laterne zurück und reichte ihm überdies eine goldene Münze mit seltsamer Prägung. „Nehmt dies als Zeichen unserer Dankbarkeit.“

Dem Schmied war es nun doch unheimlich geworden und er beeilte sich, seine Schmiede in Kervenheim zu erreichen. Inzwischen war es stockfinster und regnete in Strömen.

Daheim schlief schon alles. Daher kroch er rasch unter die Decken und schlief ein. Er würde seiner Frau am Morgen alles erzählen.

Doch als der Morgen kam, und der Schmied in seine Tasche fasste, um die Goldmünze heraus zu holen, da war sie verschwunden. Er suchte alle Taschen ab und ging den Weg zurück bis zum Gochfortzberg, aber auch die Tür war nicht wieder zu finden. Ohne einen Beweis aber schien ihm selbst sein Erlebnis so abenteuerlich und an den Haaren herbei gezogen, dass es Jahre dauern sollte, bis er dieses Abenteuer jemandem erzählte. Nur ein paar graue Haare mehr schien es ihm eingebracht zu haben.

Die Tür aber blieb verschwunden, und den schlafenden Fürsten und seinen Diener hat seitdem niemand mehr gesehen. Und so soll es auch bleiben, bis die Vögel einmal aufhören, um den Berg zu kreisen.

Die Sonne, der Frost und der Wind – ein Märchen aus dem Baltikum

16. Oktober 2017

Obwohl die Sonne so wichtig für die Menschen ist, war es doch der stürmische Donnergott, der von ihnen besonders verehrt wurde. Warum Perún, Perkunas etc. so wichtig war, davon verschafft uns dieses Märchen einen Eindruck…

 

Einmal, vor langer, langer Zeit, trafen sich an einem schönen Frühlingstag drei Götter: Die Sonnengöttin fuhr in ihrem Wagen spazieren, der Gott von Frost und Eis zählte seine Schneeflocken und der Sturmgott trieb fröhlich ein paar Wölkchen vor sich her. Sie begannen ein Gespräch über dies und das, und weil Götter nun mal so sind, kam das Gespräch bald darauf, wer von ihnen der der Größte sei und die meiste Macht habe.

Die Sonnengöttin schüttelte den Kopf, das ihre langen goldblonden Haare flogen: „Es ist doch völlig klar! Die Leute lieben mich: Ich bringe ihnen Wärme und Licht. Daher habe ich wohl die meiste Macht von uns dreien.“

Doch der Herrscher über den Frost lachte: „Wenn du dich da mal nicht täuschst. Sie mögen dich lieben, aber mich fürchten sie gewaltig. Wenn den Menschen erst die Kälte in die Glieder fährt, ist ihre Furcht groß. Darum bin ich eindeutig der Mächtigste von uns.“

„Nun ja“, warf der Windgott ein, der sich bislang zurückgehalten hatte. „Wisst ihr, eigentlich bin ich der mächtigste Gott von uns dreien.“

Da lachten Sonne und Frost ihn aus. „Du? Du willst der mächtigste Gott von uns sein? Das glaubst du doch selbst nicht!“ Und sie lachten, dass die Sonne rote Wangen bekam und dem Forst die Schneeflocken aus den Taschen fielen. Der Wind blieb aber ganz ruhig und lächelte fein.

„Warum gehen wir nicht hin und fragen die Menschen? Lasst uns einen Spaziergang über die Erde machen. Dann werden wir sehen, wer recht hat.“

Die beiden anderen fanden das eine hervorragende Idee und so machten sie sich auf den Weg.

Nach kurzer Zeit trafen sie auf einen Bauern, der von seinem Feld kam. Als er die drei Götter sah, verbeugte er sich tief.

Prompt begannen die Götter zu diskutieren.

„Seht ihr, er hat mich gegrüßt!“, behauptete die Sonne. „Sein Gruß galt mir, daher bin ich die Siegerin.“

„Nein, er hat mich gemeint.“, war der Frost überzeugt. „Er hat sich in meine Richtung verbeugt, daher bin ich der Gewinner.“

„Ihr täuscht euch beide, denn er hat mich gemeint.“, widersprach der Wind den beiden.

„Niemals!“, gaben die beiden anderen zurück.

Daraufhin eilte der Wind dem Bauern hinterher und sprach ihn an: „Du hast dich gerade verbeugt, aber vor wem von uns?“

„Na, vor euch, Herr Wind!“, entgegnete der Bauer sofort.

Hui, waren Sonne und Frost da sauer!

„Das gibt Ärger!“, versprach sie Sonne, sprang auf ihren Wagen und eilte davon.

„Na warte. Wenn erst der Winter kommt, wird die Menschheit schon sehen, was sie davon hat! Der Wind, also wirklich….“, tobte der Frost und verschwand ebenfalls.

Der Wind aber wartete, bis die beiden gegangen waren. Dann nickte er dem Bauern zu, dem die Angst ins Gesicht geschrieben stand.

„Mach dir keine Sorgen! Wenn du Hilfe brauchen solltest, dann ruf mich!“ Und mit diesen Worten ging auch er seines Weges.

Der Bauer bestellte seinen Felder, und das erste Grün spross wie erwartet. Es wurde Sommer, und eigentlich hätten die Felder nun etwas Wasser gebraucht. Stattdessen wurde es immer heißer und heißer, als die Sonne ihre Drohung wahr machte: Das Getreide auf den Feldern drohte zu vertrocknen, die Tiere litten Durst, und den Bauern überkam eine große Sorge um seine Ernte.

Da fiel ihm der Wind ein und er betete zu ihm: „Hilf mir, Wind!“

Und der Wind blies sich auf zu einem wahren Sturm, der die Hitze kühlte und Regenwolken an den Himmel brachte. Als die ersten Gewitter über das Land hereinbrachen, wusste der Bauer: Seine Ernte war gerettet!

Es kam der Herbst und es kam der Winter. Und er kam um zu bleiben. Es schien, als wolle die Kälte kein Ende nehmen. Langsam neigten sich die Vorräte dem Ende entgegen, und immer noch türmten sich die Schneeberge rund um den Bauernhof. Als der Bauer den letzten Arm voll Feuerholz ins Haus holte, erinnerte er sich wieder an den Wind und sagte: „Wind, wenn du helfen kannst, dann hilf uns bitte!“

In der Nacht wehte ein kräftiger Wind und blies die schneebringenden Wolken fort, und am nächsten Morgen hatte er sich in ein laues Lüftchen verwandelt, das den Frost um schmelzen brachte. Bald war die Macht des Winters gebrochen.

Da freuten sich der Bauer und seine Familie und feierten ein großes Fest zu Ehren des Windgotts.

Die Sonnengöttin und der Frostgott waren ab dem Tag aber deutlich freundlicher zum Windgott und mussten kleinlaut zugeben, dass er tatsächlich der mächtigste Gott unter ihnen war.