Gottheit der Woche 24: Geister des Landes

11. März 2018

Ich schließe meine Augen und spüre euch:

Die Wärme des Steins, auf dem ich stehe

Der Schatten des Baums, unter dem ich Platz gefunden habe

Das Rascheln der Blätter um mich herum, wenn ein Luftzug hindurchgeht

Das Summen tausender Insekten, die um mich herum ihren Geschäften nachgehen

Das Zwitschern der Vögel, die sich auf den Ästen niedergelassen haben

Der Ruf einer Kuh auf der Wiese

Ich reiche tiefer hinab,

und sehe den Regenwurm, der sich unter mir seinen Weg sucht

und den Pilz, der sein Geflecht weiter ausbreitet

Ich reiche höher hinauf,

bis zu den Gipfeln der weit entfernten Berge,

wo Schnee liegt und Adler kreisen

Ich reiche weit hinaus,

zu den Flüssen, die mich ans Meer bringen.

 

Geister der Pflanzen

Geister der Tiere

Geister der Elemente, von Steinen und Gewässern:

Ich lebe Seite an Seite mit euch.

Jeder von uns hat seine Aufgaben,

seinen Platz im Leben.

Nicht immer ist es offensichtlich,

und darum bitte ich euch:

Nehmt Platz an meinem Feuer und lehrt mich,

wie ich euer Werk besser erkennen und unterstützen kann.

Dies soll meine Gabe an euch sein!

 

In English:

I close my eyes and feel you:

The warmth of the stone I stand upon

The shadow of the tree that I found a place under

The rustling of he leaves around me when a wind blows

The buzzing of thousands of insects that take care of their business

The chirrup of the birds that sit on the branches

The call of a cow in the meadows

I reach deeper,

and I see the worm searching his way under my feet

and the mushroom broadening his network

I reach up higher,

to the tops of mountains far away,

where snow lies and eagles circle

I reach out wider

to the rivers that take me down to the sea.

 

Spirits of the plants

spirits of the animals

spirits of the elements, stones and waters:

We live side by side.

Each of us has his duties,

his place in life.

Not always it is very obvious,

so I ask you:

Have a seat at my fire and teach me,

teach me to recognize your workings better and how to support them.

Let this be my gift to you!

Geschichte: Wie die Tochter der Lüfte den Kosmos formte – ein finnischer Mythos für Kinder erzählt

3. März 2018

Einst gab es nur Wasser und Wind. Leben gab es keines, wie wir es kennen. Mit dem Wind dahin trieb die Ilmatar, die Lüftetochter, durch die Leere. Es gab gar nichts zu gucken, nichts zu erleben. Es gab einfach nichts. So ging es für lange Zeit. Irgendwann wurde es dem Mädchen zu langweilig. Sie ließ sich hinab auf die Wellen sinken. Da kam ein Sturm auf: Der Wind tobte, das Meer brauste und die Wellen umspülten sie. Der Ostwind verband sich mit der rauen See und hauchte ihr Leben ein: Die junge Frau wurde schwanger.

Ihre Schwangerschaft dauerte lange: 700 Jahre trieb die Lüftetochter über das Meer, alle Ecken des Ozeans besuchte sie, aber das Kind wollte nicht kommen. Irgendwann wurden ihr die Schmerzen zuviel und sie klagte dem Universum ihr Leid: „Wieviel besser wäre es jetzt, mit dem Wind dahin zu fliegen, als hier im Wasser darauf zu warten, dass mein Kind geboren wird. Ich arme Wassermutter!“ Und sie bat Ukko, den Gott des Himmels, um Hilfe.

Ukko hörte ihre Klage, und er hatte Mitleid mit ihr. Er sandte eine Ente, ein Tier des Wassers und der Luft, hinab zu ihr. Die Ente flog über das Meer und suchte nach einem Plätzchen, wo sie ihr Nest bauen könnte. Aber weit und breit war keine Insel zu sehen, kein sicherer Fleck.

Schließlich erspähte der Vogel doch noch einen Ort, den er für einen grasbewachsenen Hügel hielt. Es war das Knie der Wassermutter, denn das war nun Windstochters neuer Name. Dort ließ die Ente sich nieder und baute ihr Nest. Sie legte sechs goldene Eier und ein siebtes aus Eisen, setzte sich auf das Nest und begann eifrig zu brüten. Sie brütete einen Tag, zwei Tage, drei Tage.

Am dritten Tag hielt die Wassermutter die ungewohnte Hitze auf ihrem Knie nicht mehr aus. Sie reckte und streckte sich und schüttelte ihre Glieder. Dabei fielen die Eier ins Wasser und zerbrachen. Doch was für ein Glück: Die Stücke der Schale verkamen nicht etwa im Schlamm am Meeresgrund, sondern aus dem unteren Schalenstück wurde die Erdkrümmung und das obere Stück formte die Himmelswölbung. Das Eigelb blieb am Himmel und wurde zur Sonne. Das Eiweiß verwandelte sich in Mond und kleine Schalensplitter in Sterne. Dunkle Schlieren wurden zu Wolken am Himmel.

Schließlich, im zehnten Sommer, spürte die junge, schöne Frau, wie sich in ihr etwas regte: Die Wehen setzten ein, und sie wand sich hin und her.

Wo sich ihre Hand festkrallen wollte, formten sich Landspitzen. Wo ihr Fuß lag, entstanden Senken, in denen Fische leben konnten und Schluchten, in denen sich Lachse zu Hause fühlen konnten. Tiefe Meeresschluchten bildeten sich, wo ihr Körper im Wasser versank. Dort, wohin sich ihre Hüfte drehte, tauchten flache Uferstrände aus dem Wasser auf, und wenn sie ihren Kopf dem Land entgegenstreckte, formten sich breite Buchten. Zwischen den Wehen ruhte sie sich aus, und trieb ein wenig weiter aufs Meer hinaus. Dabei entstanden Klippen und gefährliche Riffe im Meer, die später noch oft Schiffen zum Verhängnis werden sollten.

So schuf sie Inseln mit Feldern und Wiesen und mit felsigen Gebirgen, die zum Himmel aufragten.

Und doch dauerte es insgesamt 30 Jahre, bis Wäinämöinen, der Sänger, endlich geboren wurde! Lange wartete er darauf, dass Sonne, Mond und Sterne ihm in Bauch seiner Mutter scheinen würden. Doch nichts geschah.

Endlich, endlich fasste das Kind seinen ganzen Mut zusammen und verließ die dunkle Enge des Mutterleibs. Mit aller Kraft durchstieß es die Pforte und stürzte sich kopfüber in die Wellen.

Acht weitere Jahre dauerte es, bis das Kind schließlich eine Landzunge erreichte und an Land ging. Staunend blickte Wäinämöinen zum Himmel empor und bewunderte Sonne, und Mond und die Sterne des Großen Bären, die nun auf ihn herableuchteten. Wäinämöinen, den man später den Weisen nennen sollte, was geboren! Und auf diesem Weg gab Ilmatar, die Wassermutter und Lüftetochter, auch dem Kosmos, wie wir ihn kennen, seine Form.

(free retold, based on „Kalevala.“, Rune 1, translated by Anton Schiefner, Bibliotheca Augustana. N.p., n.d. Web. 24 May 2017.

Geschichte: Warum es Winter wird – ein griechischer Mythos für Kinder erzählt

3. März 2018

Die griechische Göttin Demeter ist die Göttin der Ernte. Selbst hatte sie aber nur eine Tochter, Persephone, die sie sehr liebte. Persephone war sehr hübsch, Als sie eines Tages fröhlich vor sich hin tanzte und Blumen pflückte, sah sie der Gott Hades. Hades herrschte über die Unterwelt und wirkte immer sehr finster und mürrisch. Hades beobachtete Persephone und verliebte sich in sie. Er fand sie toll, aber er wusste, dass es schwer für ihn werden würde, Persephone davon zu überzeugen, dass er der Richtige für sie wäre. Auch Zeus, sein Bruder, konnte oder wollte ihm keinen Rat geben.

Kurz entschlossen lockte er Persephone in eine Falle und entführte sie in sein Reich.

Nach einiger Zeit machte Demeter sich Sorgen um ihre Tochter. Sie war nun schon ein ganze Weile weg, ohne Bescheid zu sagen. Demeter machte, was alle Mütter tun: Sie zog los und fragte alle Leute, die sie traf, ob sie ihre Tochter gesehen hätten.Neun Tage lang irrte sie mit einer Fackel in der Hand umher. Schließlich erzählte ihr Hekate, dass Persephone entführt worden sei. Aber auch sie wusste nicht, wer der Übeltäter war. Zusammen suchten sie weiter und trafen Helios, den Sonnengott. Er hatte die Tat beobachtet und nannte ihnen Hades.

Demeter wurde böse und sehr, sehr traurig. Hades war der Bruder von Göttervater Zeus. Dieser würde nichts gegen seinen Bruder unternehmen. Demeter wollte mit den anderen Göttern nichts mehr zu tun haben. Sie zog eine Weile in der Welt der Menschen umher.

Aber sie vermisste ihre Tochter immer noch. Und weil sie so traurig war, befahl sie den Pflanzen, dass sie nicht mehr wachsen sollten. Bald war alles Grün vertrocknet undes gab nichts mehr zu essen. Die Menschen machten sich Sorgen und beteten zu den Göttern, denn eine Hungersnot bedrohte die Erde.

Auch Zeus beobachtete das Ganze mit Sorgen. Was sollten die Götter tun, wenn es keine Menschen mehr gäbe, die ihnen Weihrauch schickten und zu ihnen beten würden? Es musste etwas geschehen. Zeus beauftragte Hermes, den Götterboten, zu Hades zu gehen. Er sollte ihn überreden, Persephone gehen zu lassen.

Hades willigte ein. Doch bei Abschied überredete er sie ein paar Granatapfelkerne zu essen um sich zu stärken. Es ist aber so, dass jeder, der etwas von dem Essen der Unterwelt gegessen hat, an das Totenreich gebunden ist.

So konnte Persephone zwar zu ihrer Mutter zurückkehren, die sich freute und zur Erleichterung aller die Pflanzen wieder wachsen ließ. Doch jedes Jahr muss sie für vier Monate zu Hades in die Unterwelt ziehen. In dieser Zeit trauert Demeter und alles Leben ruht. Dann ist bei uns Winter.

Aber im Frühling kehrt Persephone wieder an die Erdoberfläche zurück und bringt die Sonne und die Blumen mit sich.

Gebet zu Loki – auf besonderen Wunsch

27. Februar 2018

In eine Welt von Eis bringst du das Feuer,

Loki!

Was zu erstarren droht,

erfriert in Konventionen,

versteinert in Korsetten,

weil es immer so war,

das bringst du in Bewegung.

Du,

dessen Element das Chaos ist,

sorgst dafür, dass sich Dinge verändern, wandeln.

Du

zerstörst die Sicherheit und Geborgenheit des vertrauten Rahmens,

aber so lernen wir neue Wege zu gehen,

neue Erfahrung zu machen,

neue Gedanken zu denken,

auszuprobieren, was wir uns sonst nie getraut hätten.

Ja,

das hat Konsequenzen:

Nicht alle Wege führen zum Ziel:

Manche sind eine Sackgasse,

manche führen in gefährliche Regionen.

Aber wüssten wir das, wenn nicht einer diesen Weg gegangen wäre?

Du,

mit deiner Sprachgewandheit,

deinem Sinn für Humor,

deinem flexiblen Geist,

deiner Toleranz gegen deine Mitgesellen,

ob Götter, Riesen oder Menschen,

du kanntest die Risiken,

und auch du musstest

die Konsequenzen tragen.

Dein Schicksal,

verwoben mit dem der Götter,

verwoben mit dem der Menschen,

und doch tanzt du zwischen allem

wie die züngelnden Flammen des Feuers.

Lehre uns Beweglichkeit,

Loki,

dass wir offen bleiben für Neues,

dass wir nicht in unserem Denken und unseren Gewohnheiten erstarren.

Nimm dafür unseren Respekt!

Gottheiten der Woche 13: Sirona und Grannus

27. Februar 2018

Sonne und Sterne

Licht im Licht, Licht in der Dunkelheit!

Warme Wasser der heilenden Quellen,

in die wir eintauchen!

Kühle Wasser der heilenden Quellen,

die wir trinken!

Sirona,

sternenbekrönte Göttin, ich grüße dich!

Grannus, sonnenumflorter Gott,

sei mir willkommen!

Sirona, aus den Tiefen der Erde

bringst du Heilung und Klarheit zu mir.

Grannus, deine Sonne spiegelt sich auf dem Wasser

und erfüllt mich mit Leidenschaft und Inspiration.

Kommt zu mir an mein Feuer,

teilt meine Quelle mit mir,

leistet mir Gesellschaft und lehrt mich,

was ihr mir lehren könnt.

 

In English:

Sun and stars,

Light in light, light in darkness!

Warm waters of the healing springs,

that we bathe in!

Cool waters of the healing springs,

that we drink of!

Sirona,

starcrowned goddess,

take my greetings!

Grannus, suncrowned god,

I welcome you!

Sirona,

from the depths of the earth

you bring me healing and clarity.

Grannus,

your sun reflects on the water

and fills me with passion and inspiration.

Come to my fire,

share my well with me,

enjoy my company and teach me

the lessions you can teach.

Gottheit der Woche 23: Hestia

21. Februar 2018

Schart euch um ihr Feuer,

Götter, Geister, Menschen und Tiere!

Schart euch um sie,

die eure Mitte ist,

die euren Anspruch auf das Land bekräftigt,

die die Flamme am Leben erhält!

Hestia,

Erstgeborene,

ich heiße dich hier willkommen.

Du bist die ewige Jungfrau,

die mächtige Flammenträgerin,

ohne die kein Ritual komplett war.

Du warst deiner Macht so sicher,

dass du sogar deinen Anspruch auf einen Sitz im Olymp

zugunsten von Dionysus aufgeben konntest.

Stille, in dir ruhende Hestia,

mach mein Feuer zu deinem,

lehre mich deine Gaben,

und nimm dafür meine Geschenke an.

 

In English:

Gather around her fire,

gods and spirits, humanity and animals!

Gather around her, who is your centre,

who confirms you claim of the land,

who keeps the flame alive.

Hestia,

firstborn,

I welcome you here.

You are the eternal virgin,

the mighty flamekeeper,

without whom no ritual ywould have been complete.

You were so sure of your power

that you were able to give up your seat in Olymp

for Dyonisus.

Quiet, self-assured Hestia,

let my fire be your fire,

teach me your knowledge and take my presents in return!

 

Gottheit der Woche 16: Hypnos

21. Februar 2018

Ich rufe den Sohn der Nacht,

den Bruder des Thanatos:

Hypnos,

Pausanias Epidotes,

sei mir willkommen an meinem Feuer.

Du, der Götter und Menschen gleichermaßen in den Tiefschlaf versetzt!

Freund der Musen,

Verbündeter von Hera,

Vater von Morpheus, dem Traumbringer!

Mohnblüten schmücken deinen Pfad.

Sie sollen meine Gabe an dich sein.

Komm an mein Feuer, Hypnos,

leiste mir Gesellschaft!

Schütte dein Füllhorn für mich aus

und lehre mich die Kunst zu schlafen.

 

In English:

I am calling the son of the night,

the brother of Thanatos:

Hypnos,

Pausanias Epidotes,

be welcome at my fire!

You, who brings deep sleep to gods and men alike,

friend to the muses,

ally of Hera,

father of Morpheus, the bringer of dreams!

Poppies embellish your path.

Let them be my present for you.

Come to my fire, Hypnos,

share my company,

open your cornucopia for me and teach me the art of sleeping.

Gottheit der Woche 19: Frigga

21. Februar 2018

Da sitzt sie, die Wolkenweberin,

in Fensal am Feuer und schweigt.

Hüterin des Herdes,

du, die alles zusammenhält:

Wie schwer muss es für dich sein, zu wissen, was wird,

und trotzdem loszulassen, nicht einzugreifen.

Jede Mutter muss das irgendwann lernen,

aber selten ist die Lektion so schmerzhaft wie für dich,

als du zusehen musstest,

wie dein Sohn trotz aller Pläne starb.

Frigga,

als Falke kreist du über der Welt und wachst über die Familien.

Als Spinnerin webst du den Faden, den die Nornen im Schicksalsnetz verweben.

Als Frau von Odin sendest du deine Dienerinnen aus in alle Welt.

Himmelskönigin,

sei an meinem Feuer willkommen

und schenke mir deinen Segen.

Nimm von mir an, was ich dir zu bieten habe.

 

In English:

There she sits, the weaver of clouds,

at her fire in Fensal and doesn’t say a word.

Keeper of the hearth,

you who holds everything together:

How hard must it be for you

to know what will be

and still let go and not to interfere.

Every mother has to learn this at some time,

but rarely the lesson has been so painful as it was for you,

when you had to see your son die

despite of all your plans.

Frigga,

as a falcon you are circling above the world, keeping an eye on the families.

As a spinster you create the thread the Nornes weave into the web of life.

As Odin’s wife you send out your servants all over the world.

Queen of heaven,

be welcome at my fireplace

and give me your blessings.

Take what I can offer you.

 

Iris und der Regenbogen

4. Februar 2018

Eines Tages gab es einen heftigen Streit zwischen zwei griechischen Stadtstaaten um einen Grenzstein. Jeder Staat behauptete der andere haben den Stein zu seinen Gunsten verschoben. Ein Wort gab das andere, und so drohte bald ein Krieg.

Hera, die Göttin der Ehe und Familie, hatte einige Lieblinge in beiden Städten, die ihr sehr am Herzen lagen. Sie sah die Entwicklung mit großer Sorge, denn sie wusste, wie viele Familien in beiden Orten lebten. So viele Ehen würden zerstört, so viele Familien auseinander gerissen! Das konnte sie so nicht zulassen.

Also schickte Hera ihre Botin Iris mit einer Nachricht zu den Stadtvätern. „Die Göttin Hera lässt euch sagen, dass ihr die Situation überdenken sollt! Einen Krieg heißt sie nicht gut, und sie würde es euch sehr übel nehmen, wenn ihr ihren Wunsch missachten solltet!“

Das löste einiges Stirnrunzeln auf beiden Seiten aus. Hera war immerhin die Frau von Zeus und eine mächtige Göttin. Sie zu verärgern konnte nicht gut sein! Niemand wollte Stress mit den Göttern!

„Aber was sollen wir tun?“, fragten sich die Räte in beiden Orten. „Die anderen haben angefangen. Wir können nicht zulassen, dass sie ihren Willen bekommen. Wer sollte uns dann noch respektieren?“

Iris seufzte leise in sich hinein. Immer das Gleiche….

„Hera verlangt nicht, dass ihr einfach so aufgebt. Aber sie bittet euch darum, die Gaben zu nutzen, die ihr von den Göttern erhalten habt.“

„Welche Gaben?“, fragte ein dicker Rat, der sich zu fragen begann, wie groß seine Lebensmittelvorräte wohl sein mochten, und ob sie für einen Krieg ausreichen würden.

Es war ein warmer, sonniger Tag, und die Sitzung fand im Innenhof des Hauses eines der Räte statt. Dort stand auch ein wunderschöner Springbrunnen, der sein Wasser in kleinen Stößen in die Luft spie. Iris trat zum Brunnen und hielt ihre Hand mit der Innenfläche nach oben ins Wasser.

Ein roter Strahl erschien und krümmte sich von ihrer Handfläche fort zu den Ratsmitgliedern, die erschrocken zurückwichen.

„Die Götter gaben euch Liebe und Fruchtbarkeit. Ihr seid ein großes Volk mit reichen Feldern und einem gut besuchten Hafen. Eure Paare erfreuen sich der gegenseitigen Zuneigung und ihr habt zahlreiche Kinder, die die kommende Generation sichern.“

Ein zweiter Strahl erschien unter dem ersten, diesmal in orange.

„Die Götter gaben euch Freude. Fast täglich findet irgendwo in der Stadt ein Fest statt. Ihr keltert einen hervorragenden Wein und genießt das Leben in vollen Zügen.“

Dabei zwinkerte sie dem dicken Ratsherrn zu, der prompt errötete.

Ein dritter Strahl erschien, leuchtend gelb wie die Sonne:

„Die Götter schenkten euch Erfolg, Willenskraft und Ausdauer. Eure Geschäfte gehen gut und Armut hat in eurem Ort keinen Platz. Eure Häuser sind groß, eure Frauen mit teurem Schmuck bekleidet.“

Der Ratsherr, dem das Haus gehörte, nickte leicht.

Ein vierter Strahl gesellte sich zu den anderen, nun ein grüner Strahl:

„Die Götter schenkten euch Gesundheit und Heilung. Wie viele Jahre ist er her, dass eure Stadt von einer Seuche heimgesucht wurde. Eure Kinder werden groß und stark, und eure alten Leute altern in Würde, statt dahinzusiechen. Die Heilquelle am Apollotempel findet regen Zuspruch.“

Ein fünfter Strahl in tiefem Blau kam hinzu, und Iris sprach schnell weiter:

„Verstand schenkten euch die Götter, und Kreativität. Es sind keine Dummköpfe, die hier sitzen, und eure Stadt ist erfüllt von den schönsten Künsten, die man sich denken kann. Statuen, Brunnen, Gemälde findet man an jeder Ecke, dazu diskutierende Philosophen, Sänger, Tänzer und Schauspieler, die die Sinne erfreuen.“

Ein Murmeln setzte ein, verebbte jedoch, als Iris weitersprach und einen violetten Strahl dem blauen hinzufügte:

„Die Götter gaben euch Visionen. Ihr, die ihr hier sitzt: Wo seht ihr eure Stadt in einigen Jahren? Wie stellt ihr euch eure Zukunft vor? Was wird man später über euch sagen?“

Ein Regenbogen spannte sich von Iris’ Hand aus den versammelten Räten entgegen, voller Verheißungen. Die Räte starrten darauf, und keiner traute sich, laut etwas zu sagen. Schließlich fasste sich der älteste und erwiderte der Göttin:

„Herrin Iris, wir haben eure Worte gehört und sie waren weise. Wir werden uns noch einmal beraten und sicher eine Lösung finden, die alle Seiten zufrieden stellt.“

Iris lächelte fein. Ein goldener Strahl schoss aus ihrer Handfläche und webte feine, fast unsichtbare Spiralen um die anderen Bögen. Der Regenbogen wurde größer und größer: Er dehnte sich aus, bis er sich schließlich über der Stadt spannte und sein eines Ende wies in die Richtung des anderen Staates.

„Das wird Hera sehr freuen, und mich auch. Ich lasse euch diesen Bogen zur Erinnerung an den Segen, den ihr erhalten habt und der euch weiterhin zuteil wird. Und zur Erinnerung daran, was ihr mit diesen Gaben Sinnvolles anfangen könnt.“

So geschah es in beiden Städten: Beide Räte kamen erneut zusammen, Unterhändler trafen sich, Verhandlungen wurden geführt und schließlich erhielten die einen einen Wald, der ihnen sehr zusagte, die anderen gute Bedingungen für die Hafenzölle und auf dem Gebiet, um das man sich gestritten hatte, bauten beide Staaten gemeinsam einen Heratempel.

Der Regenbogen verblasste nach einer Weile, aber bei jedem größeren Regen hielten die Bewohner beider Städte danach Ausschau und dachten, wie viel Glück sie doch gehabt hatten.

 

Ich mag Regenbögen. Ich weiß, dass es sich um ein meteorologisches Phänomen handelt, aber sie lassen sich so schön symbolisch benutzen, und den Menschen vergangener Tage sind sie sicher wie ein kleines Wunder erschienen.

Indoor-Alltagsschrein

4. Februar 2018

Lange Zeit habe ich es abgelehnt, mir im Haus einen Schrein zuzulegen. Nachdem wir umgezogen waren, fehlte es mir einfach an dem richtigen Platz dafür, und außerdem habe ich ja draußen meinen Nemeton für Rituale. Seit Dezember habe ich jetzt aber ein Plätzchen, das mir zusagt. So sieht er derzeit aus bzw. rund um Mittwinter:

Ein Schraubglas mit Wasser aus aller Welt ist meine Quelle, drei kleine Teelichter repräsentieren das Feuer mit  einer Muschelschale zum Räuchern dabei (wobei das schwierig wird, denn über dem Schrein ist der Rauchmelder *g*). An der Vase mit der saisonalen Deko lehnt eine Gebetskarte, die je nach Bedarf wechseln kann. Das Holzschälchen dient als Opferschale. Links steht die Jahreskerze mit dem Runensäckchen davor. Darauf liegt die an Silvester gezogene Jahresrune für 2018. An der Rückwand sind Symbole für die Kindred angebracht. Darüber steht ein dreifacher Kerzenhalter, und daneben jeweils ein Bäumchen: Rechts der Bonsai, den ich gelegentlich bei Ritualen im Haus als Baum verwendet habe, links der Walnussbaum, der aus der Kernarbeit an Mabon 2017 hervorgegangen ist.