Der schlafende Fürst unterm Gochfortzberg

1. Dezember 2017

Um den Gochfortzberg bei Uedem ranken sich mehrere Sagen oder Geschichten. Eine davon ist diese hier, die eine deutliche Lokalvariante des Kyffhäuser-Mythos ist. Ich habe sie nur in Stichpunkten gehört und hier dementsprechend ausgebaut. In manchen Sagenvarianten gilt der Schläfer unter dem Berg als Friedensbringer, in anderen wird er erscheinen, wenn der Weltuntergang beginnt. Tatsächlich hat man auf dem Berg Spuren einer Besiedlung gefunden. Allerdings könnte es sich dabei auch um römische Hinterlassenschaften handeln.Trotzdem ist es eine nette Deutung und fügt sich gut in den Reigen der schlafenden Könige ein. Die Bedeutung der Vögel für das Ende der bekannten Ordnung kennt man auch vom englischen Tower.

 * * *

Gleich hinter Uedem, auf dem Weg nach Xanten, liegt eine Anhöhe mit dem Namen Gochfortzberg. Früher ragte sie vorne spitz aufs Land hinaus, aber dieser Vorsprung ist schon vor langer Zeit eingebrochen. Über den Berg führen geheimnisvolle Hohlwege und in den Sträuchern an den Hängen nisten zahlreiche Vogelarten. Es heißt, dass oben auf dem Berg einmal ein Fürst seine Burg gehabt habe und dort mitsamt seinem Gesinde bestattet worden sei. Davon ist jedoch nichts mehr zu sehen.

Unsere Geschichte spielt vor einem Jahrhundert oder zwei, genau weiß ich es nicht. Die Technik war jedoch noch nicht allzu weit fortgeschritten, und wer in den Nachbarort wollte, der konnte dies mit dem Pferd oder zu Fuß erledigen.

So geschah es, dass der Schmied von Kervenheim an einem grauen Nebeltag im September in der Dämmerung von Uedem nach Hause gehen musste. Er hatte einen wichtigen Auftrag in Uedem erledigt, aber nun wurde es spät und er wollte heim. Er war ein großer, kräftiger Mann, und die Dunkelheit konnte ihn nicht schrecken.

Sein Weg führte ihn am Gochfortzberg vorbei. Seine Laterne irrlichterte in den Hohlwegen und warf wirre Schatten auf den Boden, denn der Wind wehte recht ordentlich und die Bäume bogen sich hin und her. In der Ferne hörte er einen Hasen aufschreien. Vermutlich hatte ihn eine Eule erwischt.

Mit einem Mal rauschte es um ihn und ein schwarzer Vogelschwarm stieg auf und umringte ihn.

Erschrocken sprang der Schmied ins Gebüsch und duckte sich zwischen die Brombeersträucher. Die Vögel kreisten noch eine Weile und stiegen dann langsam immer höher, bis sie im Nebel und der frühen Dunkelheit nicht mehr zu sehen waren. Ihr Krächzen hallte dem Schmied jedoch weiter in den Ohren. Während er versuchte, sich aus den Dornenranken zu befreien.bemerkte der Schmied plötzlich etwas Glänzendes zwischen den Brombeersträuchern, etwas, das er dort noch nie zuvor gesehen hatte. Er hob seine Laterne und tatsächlich – er hatte sich nicht getäuscht. Unter den Beerenranken verborgen lag eine Tür, und nicht irgendeine: Diese war mit schweren Eisenbeschlägen versehen, die sehr kunstvoll gestaltet, aber an vielen Stellen schon verrostet waren. Der Schmied nickte beeindruckt: Da hatte ein Kollege sehr gute Arbeit geleistet. Aber warum, fragte er sich sodann. Neugierig schob er weitere Ranken beiseite und bald hatte er einen Türgriff freigelegt.

Vorsichtig zog er an dem Griff. Halb rechnete er damit, dass ihm der Griff verrostet in der Hand liegen bleiben würde. Aber die Tür öffnete sich fast geräuschlos und ein dunkler Gang tat sich vor ihm auf.

Nun war unser Schmied kein Ire: Die Geschichten von Feenhügeln waren ihm nicht vertraut, und so folgte er seiner Neugier und trat in den Gang. Und tatsächlich: Nach einigen Schritten erkannte er in der Ferne einen hellen Schimmer, und bald tat sich vor ihm ein Raum auf.

Das Gemach schimmerte golden, und nicht von ungefähr: Der Boden war mit feinsten Teppichen ausgelegt. Münzen, Schmuck und goldene Trinkpokale stapelten sich in Regalen an den Wänden rund herum. Am beeindruckendsten war jedoch der goldene Thron in der Mitte des Raums.

Der Schmied staunte nicht schlecht, als er entdeckte, dass der Raum keineswegs leer war. Ein Mann saß auf dem Thron, ein uralter Mann mit einem langen weißen Bart. Und neben dem Thron stand ein anderer Mann in einer Diener-Livree, wie sie vor einer Ewigkeit modern gewesen sein mochte. Beide schienen zu schlafen, aber als der Schmied näher trat, regte der Mann auf dem Thron sich und schlug die Augen auf. Seine Gesichtszüge glätteten sich und mit einem Mal schien er um Jahre jünger geworden zu sein. Der Mann richtete sich auf, und nun sah der Schmied, dass er einen mit Edelsteinen besetzten Stirnreif trug. Ehrfürchtig erstarrte er, doch der Mann hatte ihn gesehen und winkte ihm, näher zu kommen.

„Wie lange habe ich geschlafen?“, fragte er mit volltönender Stimme. „Ich, ich weiß es nicht, Herr.“, stotterte der Schmied. „Wie bist du hierher gekommen?“ „Durch die Tür. Da war eine Tür im Gestrüpp. Ich schwöre, dass die noch nie da war. Aber auf einmal sehe ich da Metall schimmern und-“ „Schon gut.“, winkte der Mann ab. „Die Tür zeigt sich nicht jedem. Du bist mit der Magie des Eisens vertraut, nehme ich an.“ „Von Magie weiß ich nichts.“, gab unser Schmied zurück, bodenständiger Niederrheiner, der er war. „Aber ich bin ein Schmied. Da lernt man das eine oder andere über Eisen.“

„So ist es.“, stimmte der Mann zu. „Sage mir: Fliegen die Vögel noch um den Berg?“

Der Schmied dachte an den Vogelschwarm, der ihm gerade um den Kopf gesaust war. „Das kann man wohl sagen.“

Da seufzte sein Gesprächspartner tief auf und sagte: „Dann muss ich noch weiterschlafen. Meine Zeit ist noch nicht gekommen.“

Der Schmied stutzte ob dieser Aussage, und tausend Fragen schossen ihm durch den Kopf, aber der alte Mann schloss die Augen.

„Mein Diener wird dich sicher nach draußen geleiten. Leb wohl, mein guter Schmied!“

Der Diener verneigte sich aber nur knapp, nahm die Lampe des Schmieds und eilte voraus. Am oberen Ende des Gangs gab er ihm die Laterne zurück und reichte ihm überdies eine goldene Münze mit seltsamer Prägung. „Nehmt dies als Zeichen unserer Dankbarkeit.“

Dem Schmied war es nun doch unheimlich geworden und er beeilte sich, seine Schmiede in Kervenheim zu erreichen. Inzwischen war es stockfinster und regnete in Strömen.

Daheim schlief schon alles. Daher kroch er rasch unter die Decken und schlief ein. Er würde seiner Frau am Morgen alles erzählen.

Doch als der Morgen kam, und der Schmied in seine Tasche fasste, um die Goldmünze heraus zu holen, da war sie verschwunden. Er suchte alle Taschen ab und ging den Weg zurück bis zum Gochfortzberg, aber auch die Tür war nicht wieder zu finden. Ohne einen Beweis aber schien ihm selbst sein Erlebnis so abenteuerlich und an den Haaren herbei gezogen, dass es Jahre dauern sollte, bis er dieses Abenteuer jemandem erzählte. Nur ein paar graue Haare mehr schien es ihm eingebracht zu haben.

Die Tür aber blieb verschwunden, und den schlafenden Fürsten und seinen Diener hat seitdem niemand mehr gesehen. Und so soll es auch bleiben, bis die Vögel einmal aufhören, um den Berg zu kreisen.

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