Rituale, Gebete, Lieder und Sonstiges rund um ein aktives Druidentum

Orthopraxie – oder warum ‘Woran glauben Druiden’ eigentlich die falsche Überschrift gewesen ist

23. September 2021

Tauchen wir ab in die Tiefen der Unterschiede zwischen den monotheistischen Religionen und dem Heidentum: Wer einmal einer monotheistischen Religion angehörte (und meistens auch, wer es nicht tat), der weiß: Da gibt es ein paar feste Vorschriften und Glaubenssätze, an die alle glauben sollen. Oft sind die in einem Buch festgehalten und direkt von Gott bzw. einem Propheten überliefert worden.

Wenn man in Deutschland eine Religionsgemeinschaft öffentlich anerkennen lassen möchte, ist auch genau dies u.a. eine Voraussetzung. Man muss offenlegen, woran man glaubt, mit einem Glaubensbekenntnis und was halt so dazu gehört.

Und damit ist auch schnell klar, warum das beim Heidentum in den meisten Fällen nicht funktioniert. Ein religiöser Ansatz, der sagt “Du musst das mit dir selbst ausmachen, woran du glaubst, was du da verantworten kannst, und es ist auch okay, wenn sich das im Laufe der Zeit verändert”, der wird nur sehr wenige gemeinsame Nenner finden, die spezifisch genug sind, um daraus ein Konstrukt zu schaffen, das diesen Anforderungen genügt. Ein Heide sein ist mit sehr viel Kopf-Arbeit verbunden.

Na klar gibt es auch hier Grüppchen, die sich ein eigenes Regelwerk mit Buch der Schatten, Grimoire, oder was auch immer geschaffen haben. Trotzdem ist das nicht besonders verbreitet und wird auch eher abgelehnt.

Diesen Ansatz mit vorgegebenen Glaubenssätzen nennt man orthodox. Christentum, Judentum, Islam in all ihren Ausprägungen (also auch, wenn das orthodox nicht direkt im Namen steht) sind orthodox, die meisten Sekten sind so was von orthodox… das Druidentum nicht.

Stattdessen sind wir orthopraktisch. Bei der Orthopraxie geht es weniger um das ‘Woran glaubst du?’ als vielmehr um das ‘Was tust du?’. Die Durchführung von Ritualen in jeder Form, das Kontakthalten mit den Göttern, Ahnen und Naturgeistern, das ist es, was die Orthopraxie ausmacht. Daher war es für die alten Heiden früher gar kein so großes Problem, in die Kirche zur Messe zu gehen und anschließend den anderen Göttern zu opfern – es am aus ihrer Sicht nicht auf das Glauben dabei an, sondern darauf, das Richtige zu tun. Und umgekehrt, war das der Grund, warum die Christen anfangs alle in der Arena gelandet sind: Da für sie das Glauben im Vordergrund stand, war es ihnen nicht möglich, parallel z.B. für einen römischen Kaiser, der sich für einen Gott hielt, Weihrauch zu verbrennen. Das tat man nur für den Gott, an dem man glaubte. Haben die Heiden damals nicht so wirklich verstanden. Verstehen die Christen heute umgekehrt auch nicht, wie man gleichzeitig im Kirchenchor singen kann und Heide sein.

Zweifeln am eigenen Glauben ist völlig normal. Die Welt ist immer im Wandel und mit Veränderungen und neuen Erfahrungen kommen Zweifel an dem auf, was bis dahin für einen selbstverständlich war. Für einen Heiden (nicht nur Druiden) ist das total okay. Ich kann jahrelang mit einer bestimmten Gottheit arbeiten, und plötzlich drängt sich eine andere in den Vordergrund und verlangt meine Aufmerksamkeit. Oder aufgrund meiner Lebensumstände ändert sich meine Perspektive. Oder ich habe es einfach satt, immer allein zu arbeiten und zweifle, ob ich das wirklich auf Dauer will….

Was tun in so einem Fall?

Der Tipp, den Unser eigenes Druidentum in so einem Fall gerne gibt, lautet: Mach mehr Opfergaben! Der Sinn hinter dieser Aufforderung ist, dass man sich einfach weiterhin (und gerne auch mehr) mit den Kindred auseinandersetzen soll. Die Beziehung aufrecht zu erhalten, selbst wenn man gerade andere Wege ausprobiert oder einem nicht so danach ist, weil es eben das Richtige ist. Irgendwann kommt man dan schon an den Punkt, wo einem klar wird: Knüpfe ich an diese alten Bande an oder ist der Punkt gekommen, wo ich ganz klar einen Schlussstrich ziehen muss und kann? So wie eine Freundschaft manchmal einfach auseinandergeht, so kann das auch hier passieren. Oder aber man erhält nach Jahren einen Gruß von jemandem, den man schon lange nicht mehr gesehen hat, und der Kontakt blüht wieder auf und ist besser denn je (Ja, ich spreche aus eigener Erfahrung ;)).

Video: Meditation zur Frühlings-Tagundnachtgleiche

5. September 2021

Solitary Spring Equinox Ritual – Meditation

Ich verpflanze mich in die Erde. Meine Wurzeln bohren sich in den Grund. Durch den Boden hindurch, dunkel, reich, nahrhaft, suchen sie nach lebenspendendem Wasser. Ich tauche tief hinab, berühre das kühle Wasser dort unten, die Ursuppe von Materie und Chaos. Ich sauge diese Energie auf, durch meine Wurzeln, in meinen Körper. Sie erfüllt mich, meinen Körper, meinen Verstand, meine Seele, bis ich überfließe.

(Pause)

Ich strecke mich dem Himmel entgegen. Meine Äste werden länger und stärker. Meine Blätter entrollen sich und öffnen sich für das Licht von Sonne, Mond und Sternen. Aus fernen Himmeln scheint das Licht der Schöpfung auf mich herab. Ich ziehe diese Energie in mich hinein, durch meine Blätter und Zweige, in meinen Körper. Sie erfüllt mich, meinen Körper, meinen Verstand, meine Seele, bis ich überfließe.

(Pause)

Diese beiden Kräfte in mir mischen sich und verschmelzen. Sie werden mein, mischen sich mit meiner eigenen Energie. Ich bin erfüllt mit den schöpferischen und zerstörenden Kräften der Natur. Mögen diese Kräfte und die Kräfte des Geistes, der allen Dingen innewohnt, mir heute und in Zukunft von Nutzen sein.

(Pause)

Zum Himmel fließt die Schöpferkraft zurück, zur Erde fließt die Kraft des Chaos zurück. Ich kehre zurück in die normale Zeit und den normalen Raum, in das irdische Reich der Menschen, aber in mir bleibt der Segen der Kindred!

(aus: “Solitary Spring Equinox Ritual” by Amanda Lynne Orcutt, in Oak Leaves #37, Ü: B.R.)

Diese Mediation ist nicht von mir, sondern nur die Übersetzung. Vielen Dank an Amanda Lynn Orcutt für diese tolle Meditation! Und euch viel Vergnügen beim Meditieren!

https://drive.google.com/file/d/1ZV8oPXSff4IAjXYIJcrjfm-fZX3wwtHT/view?usp=sharing

Video: 2 Kräfte Meditation – Herdhüter-Version

5. September 2021

Die 2 Kräfte-Meditation ist DIE Meditationsübung des ADF schlechthin. Das kühle Wasser aus der Tiefe und Licht und Wärme vom Himmel mischen sich in einem und schaffen ein Gleichgewicht. Es geht übrigens auch umgekehrt: die Wärme aus dem Erdinneren und das kühle, klare Sternenlicht von oben… Flexibilität ist alles. 😉

Von dieser Meditation gibt es auch eine spezielle Version im ‘Weg des Herdhüters’, dem praktischen, auf einen Hauskult ausgelegten Weg in Unserem eigenen Druidentum. Da viele auf diesem Weg allein praktizieren, gilt es hierbei auch, sein eigenes Feuer mit denen der anderen zu verbinden und sich bewusst zu machen, dass man nicht allein ist, sondern Teil einer Gemeinschaft.

Hier also die Herdhüter-Version für alle, die diesen Weg einmal ausprobieren wollen.

https://drive.google.com/file/d/1ZyUk_QuGT5UNbvii7Uv2iTdMu8xuTyJc/view?usp=sharing

Video: Eine Welt aus Eis – Meditation mit Skadi

31. August 2021

Diese Meditation habe ich ursprünglich für die Reihe Meet the gods – Triff die Götter geschrieben. Sie eignet sich aber für alle Altersgruppen. Es geht darum, zum Kern zu kommen, herauszufinden, was einem wichtig ist und was man verändern möchte oder loslassen kann.

Der visuelle Aspekt ist hierbei egal, aber da es für viele einfacher ist, wenn sie sich nicht selbst ‘coachen’ müssen, habe ich die Meditation eingesprochen. Viel Erfolg!

https://drive.google.com/file/d/1ZoMr0ZCde9WUWsx0YqL_G-zlPReoCxOk/view?usp=sharing

Himmel, Land und Meer – eine druidische Perspektive oder: Woran glauben Druiden?

29. August 2021

Wer in einer Buchhandlung ins Esoterikregal schaut oder mal in ein heidnischen Forum hineinschnuppert, der findet in erster Linie drei Gruppen in Deutschland:

Da wären die Asatru, die Verehrer der nordischen Götter. Wer ‘Vikings’ mag, oder sich gerne auf Mittelaltermärkten herumtreibt, der wird sich hier hingezogen fühlen. Das soll keine Beleidung sein, nicht falsch verstehen. Aber viele Leute fangen auf diese Art und Weise an. Hier gibt es mehrere kleine und größere Organisationen, vom Eldaring über den Verein für germanisches Heidentum bis hin zu Trüppchen, die auch eher in der rechten Ecke anzusiedeln sind. Das ist der große Ärger, mit dem die deutschen Heiden, und besonders die Asatru zu kämpfen haben: Dass ihr Glaube gerne von der rechten Szene vereinnahmt wird, ihre Rituale und Feiertage missbraucht. Und leider gibt es auch solche. Die gibt es ja irgendwie überall, wie Unkraut.

Nun sind die wenigsten Leute, die Heiden sind, rechts! Im Gegenteil: Wenn die christliche Szene sich so aktiv gegen Rassismus und für Toleranz aussprechen würde, wie das Heidentum, dann wäre die Welt ein deutlich besserer Ort. Ich habe bislang selbst noch keinen rechten Heiden getroffen. Aber dank der Nazis werden Asatru schnell von Ahnungslosen skeptisch beäugt. Auch tragen viele Leute gerne einen Thorshammer oder ein anderes entsprechendes Symbol als Modeschmuck oder Tattoo, ohne tatsächlich Heide zu sein. Ist ja auch okay, macht halt das Differenzieren schwerer.

Die zweite große Gruppe sind die Wicca. Auch hier gibt es verschiedene Ausprägungen. Entscheidend ist, dass der Wiccastil deutlich das Bild vom Heidentum in der Literatur und darüber hinaus geprägt hat. Die Dualität von Gott und Göttin, die 8 Jahreskreisfeste, die vier Himmelsrichtungen und das Kreisziehen stammen von dieser Richtung. Wicca ist formeller und mit alchemistischen Zügen.

Dann gibt es noch die Hexen. Hier tummelt sich alles, Kräuterfrauen, weise Frauen, Menschen mit einer Familientradition über mehrere Generationen und solche, die sich alles frisch angelesen haben, Engelsrufer und Kristallgucker, Tarotkartenleserinnen und Trommler. Entschuldigt, wenn ich euch alle hier in diesem Punkt versammle, aber hier ist die Diversität tatsächlich so unglaublich groß, weil praktisch jeder sein eigenes Ding macht, dass ich da nicht spezifischer werden kann. Ich habe mich selbst lange genug dazugezählt. Die Hexen haben manche Dinge von den Wicca übernommen (Kreis ziehen etc.), aber ihr eigenes Ding daraus gemacht. Und mein persönlicher Eindruck ist, dass es hierbei auch mehr um die Arbeit am eigenen Selbst geht als im Wicca.

Den Schamanismus findet man übergreifend in allen Bereichen und auch als separate Sparte.

Und dann halt die Druiden, in unserem Fall die ADF-Druiden…

Für uns gliedert sich der Kosmos in 3 Bereiche: die Oberwelt oder den/die Himmel, die mittlere Welt und die Unterwelt. Je nachdem, welchem Pantheon man anhängt, können sich diese Welten in mehrere Bereiche gliedern: Im nordischen Weltbild gibt es beispielsweise 9 Welten, bei den Griechen spaltet sich die Unterwelt in Elysium, Tartarus etc. auf und so weiter.

Die Kosmos-Sigille von Rev. Ian Corrigan repräsentiert die Oberwelt (durch das Sonnenrad oben), die mittlere Welt (durch das Gitternetz in der Mitte) und die Unterwelt (durch den spiralförmigen Strudel unten).

Diese Welten sind durch den Weltenbaum miteinander verbunden. Mircea Eliade hat dazu tolle Fachliteratur geschrieben, die das sehr gut erklärt. In der einfachen Version lautet das so: Die Götter haben das Chaos weitgehend gebändigt und dem Kosmos eine Ordnung gegeben. Dadurch ist der nun sehr gleichförmig geworden, sehr ordentlich. Dadurch wird aber auch die Orientierung schwerer. Es sieht ja alles gleich aus! Der Weltenbaum ist nun ein Orientierungspunkt. Wenn man ihn erreicht, weiß man wieder, wo man ist und wo man hinmuss. Eliade setzt übrigens das christliche Kreuz mit dem Weltenbaum in dieser Hinsicht gleich. Jedem sein eigener Orientierungspunkt.

Der Weltenbaum ist darum auch eines unserer Symbole für die Heilige Mitte. Die anderen sind die Quelle und das Feuer. Während der Weltenbaum den Zugang zu den Naturgeistern darstellt, die Seite an Seite mit uns leben (animistisches Weltbild, beseelte Natur), dient die Quelle mit ihrem Wasser als Zugang zur Unterwelt und den Ahnen und das Feuer als Zugang zur Oberwelt und den Göttern. Sehr vereinfacht, denn es gibt ja auch Götter der Unterwelt und umgekehrt Ahnen und Geister, die wir eher im Himmel ansiedeln würden. Da ist Flexibilität gefragt 😉

Aus diesen 3 Symbolen bilden wir den Kosmos nach und wiederholen im Ritual den Schöpfungsakt. Wir schaffen und formen buchstäblich unsere Welt.

Wen verehren wir dabei? Erwähnt habe ich sie schon, unsere Kindred. Dabei handelt es sich um drei Gruppen, nämlich die Ahnen, die Naturgeister und die Götter.

Über letztere habe ich schon an anderer Stelle mehr erzählt.

Die Ahnen setzen sich zusammen aus den leiblichen Ahnen (Ahnen des Blutes), denen des Landes (die, die vor Urzeiten hier gelebt haben), den Ahnen des Herzen (die, die einem persönlich nahestehen ohne verwandt zu sein) und den Ahnen des Geistes (den Helden und Vorbildern, denen man nacheifert). Außerdem gibt es noch die mythologischen Ahnen, das sind Heldenfiguren aus der Mythologie oder Literatur. Prinzessin Leia ist da ein gutes Beispiel.

Die Naturgeister setzen sich ebenfalls aus einer Vielzahl verschiedener Wesenheiten zusammen. Es gibt die Geister des Hauses, die sich um den reibungslosen Ablauf des Haushalts kümmern, Geister der Elemente, Geister der verschiedenen Pflanzen und Tiere, die für ihre jeweilige Art sorgen oder auch nur ein einzelnes Exemplar, Geister des Landes oder Ortes, die eine bestimmte Stelle bewohnen und beseelen, Geisterwesen wie Feen, Kobolde, Dryaden, Nixen, und und und… Sie leben parallel neben uns her. Manche von ihnen sind freundlichen gesinnt, manche eher feindlich. Du kennst das, wenn du dich an einem Ort nicht wohl fühlst und lieber schnell weitergehst? Viele sind eher neutral eingestellt.

Im Ritual ehren wir außerdem Mutter Erde. Das ist nichts ursprünglich druidisches, sondern modernes Heidentum: Wir wissen, woher wir kommen und wohin wir zurückkehren und wir danken der Erde dafür, dass sie uns so lange hält und (er)trägt. Für die alten Druiden mag das selbstverständlich gewesen sein, aber heutzutage wird es immer wichtiger, sich das ins Bewusstsein zu rufen.

Eine andere moderne Neuerung in unseren Ritualen ist der Hüter der Tore. Das ist eine Gottheit oder ein Geist mit liminalen Eigenschaften, also ein Wesen, das zwischen den Dingen unterwegs ist, an Übergängen und Grenzen. Viele von ihnen sind Psychopomps, Götter, die die Seelen ins Leben nach dem Tod geleiten. Der Hüter der Tore dient in unseren Ritualen als Mediator: Er bringt alle Parteien an einen Tisch.

Wann feiern wir? Auch bei uns gibt es die 8 Jahreskreisfeste, die sich im Neuheidentum verbreitet haben. Allerdings sind Abweichungen möglich. Je nach Pantheon können sich die Schwerpunkte verschieben oder weitere Feste dazukommen. Außerdem besteht die Option, die Druidenmonde zu feiern, ein Heilungsritual, das einmal monatlich von allen Interessierten für alle, die Bedarf angemeldet haben, abgehalten wird und Online-Rituale über Zoom, die von Leuten organisiert werden, die nicht haingebunden sind. Die Haine haben ihre eigenen Ritualtermine und es steht jedem frei, unabhängig davon so viele Rituale abzuhalten, wie man möchte, oder auch Devotionalien. Wie man es halt braucht. Der Weg des Herdhüters, einer der möglichen Wege der näheren Auseinandersetzung mit dem Druidentum, setzt darauf, dass man sich bewusst einen eigenen Hauskult mit gemeinsamen Ritualen und Bräuchen aufbaut, der in den Alltag integriert ist. Damit ist Druidentum nicht nur etwas für 8 Tage im Jahr oder sonntags vormittags in der Kirche, sondern soll Teil deines Lebens werden.

Auch bei uns gibt es mehrere Strömungen. Die größte in Deutschland ist der OBOD, der Order of the Bard, Ovates and Druids. Er kommt ursprünglich aus Großbritannien. 2 große Unterschiede zu ADF, Unserem eigenen Druidentum: OBOD betrachtet das Druidentum als eine Philosophie, nicht als eine Religion. Dementsprechend gibt es dort auch keine Priester. Und sie beschränken sich auf die klassischen keltischen Götter. Es gibt aber auch naturgemäß viele Schnittstellen, und so einige ADF-Mitglieder sind gleichzeitig Mitglied im OBOD.

Wie feiern wir? Darüber gibt es schon einiges hier zu lesen. Wichtig wäre an dieser Stelle vielleicht zu erwähnen, dass wir keinen Kreis ziehen und in unseren Ritualen ein Kommen und Gehen problemlos möglich ist. Wir reinigen zu Beginn den Ort und uns und überlassen das weitere Manangement dem Hüter der Tore. Wir schließen bewusst keine Götter und Geister aus. Es gibt jedoch die Option, am Anfang des Rituals eine Opfergabe an die zu machen, die das Ritual eher stören würden oder einfach nicht zum Anlass passen, verbunden mit der klaren Ansage: Wenn ihr nicht mitarbeiten wollt, dann lasst uns jetzt mal eben in Ruhe arbeiten.

Ich hoffe, ich konnte dir ein besseres Bild davon vermitteln, was Unser eigenes Druidentum (ADF) ausmacht.

Ritual für Anfänger

29. August 2021

Du bist neu im Druidentum, willst einfach mal reinschnuppern oder fühlst dich einfach noch nicht so sicher? Willkommen im Club! So haben wir alle mal angefangen. In diesem Artikel stelle ich dir ein Hilfsmittel aus meinen Anfangszeiten vor: Der komplette Ritualablauf auf einem DIN-A4 Blatt mit Textvorschlägen und Hinweisen, was zu tun ist. Damit kommst du sicher durch ein volständiges Ritual nach der ADF-Ritualgrundstruktur. Je sicherer du wirst, desto eher wirst du dann deine eigenen Worte und Formulierungen finden. Prima, ich mache das heute auch anders als damals. Wichtig ist, dass es sich für dich richtig anfühlt. Unten findest du den Ablauf noch mal als PDF. Ausdrucken, in eine Klarsichthülle stecken oder laminieren, und los geht’s!

  1. Vorbereitung: Altar aufbauen, Kerze/Feuer anzünden, Schale mit Wasser füllen, Opfergaben bereitstellen, s.u.
  2. Beginn: 3 Glockenschläge oder 3 Atemzüge oder Begrüßungslied
  3. Reinigung: „Durch die Kraft des Wassers und den Rauch des Feuers: Dieser Schrein ist hehr und heilig.“ (3x Schrein besprenkeln, 1x sich selbst mit Wasser berühren, Weihrauch verwedeln)
  4. Begründung: „Ich bin hier um dem (neuen) alten Weg zu folgen und die göttlichen Kräfte in mir und um mich zu ehren.“
  5. Erde anrufen (Boden berühren): „Mutter Erde, du stehst am Anfang und am Ende unseres Seins. Segne und unterstütze mein Ritual, so wie du die ganze Welt in deiner Hand hältst.“
  6. Torwächter anrufen: „ …………………………….., Hüter an der Grenze, ich bitte dich: Verbinde deine Kräfte mit den meinen und halte Wache, wenn ich die Tore öffne.“
  7. Wiedererschaffung des Kosmos: „In der Tiefe fließt das Wasser der Weisheit. Heilige Quelle, fließe in mir!“ (Opfergabe an Wasser) „Ich entzünde das Feuer der Liebe und Kraft. Heiliges Feuer, brenne in mir!“Opfergabe an Feuer) „Von den Tiefen der Urquelle bis zum Stern des Nordens wächst der Weltenbaum. Heiliger Baum, wachse in mir!“ (Opfergabe an Baum ) alternativ: Lied
  8. Tore öffnen
  9. Kindred anrufen: „Götter, Ahnen und Geistervolk, Kräfte von Himmel, Land und Meer, bei Feuer, Quelle und heiligem Baum bringe ich euch Gaben her. Ehrt mich mit eurer Anwesenheit, wie ich euch ehre. Seid mir willkommen!“
  10. (Gottheit des Anlasses anrufen: ggf. spezielle Götter): ………………………………………………………………. ……………………………………………………………………………………………………………………………. …………………………………………………………………………………………………………………………….
  11. Opfergabe: „Ahnen, Geister und Leuchtende, Mutter Erde, Wächter der Tore, alle, die zu diesem Fest eingeladen wurden, nehmt meine Gaben an.“ (Opfergabe bringen)
  12. (Omen ziehen: Wurde das Opfer angenommen? Was wird mir mitgeteilt? Was wird von mir erwartet/benötigt?)
  13. Heiligung und Segen: „Ich bitte euch nun, schöpft für mich aus der Quelle der Weisheit, schenkt mir den Trank der Inspiration und heiligt diese Gabe.“ (hochheben) „Ich öffne meine Herz für euren Segen, meinen Körper und meinen Geist. Siehe, das Wasser des Lebens!“
  14. Kommunion (einen Schluck trinken, den Rest wieder zur Seite stellen): „Der Segen der Leuchtenden, Ahnen und Naturgeister fließt und leuchtet in mir. Ich will diesen Funken nähren, ihn zu einer Flamme machen, die überspringt auf alle anderen.“
  15. Kernarbeit
  16. Abschied: „Leuchtende, Naturgeister und Ahnen, ich danke euch für eure Anwesenheit. ………………………………, Wächter der Tore: Ich danke dir. Lass alles sein, wie’s vorher war, bis auf die Magie, die hier geschah. Mutter Erde, ich danke dir und übergebe dir, was ich nicht gebraucht habe. Auch,wenn diese Flamme nun erlischt, brennt sie in mir weiter. Auch, wenn dieses Wasser nun verrinnt, in mir sprudelt die Quelle. Tief reichen meine Wurzeln und hoch ragen meine Äste. Mein Ritual ist beendet. So sei es!“ (Flamme löschen, Wasser vergießen, Opfergaben platzieren bzw. Wein etc. ausschütten, sich selbst erden)

Video: Gebet um Heilung

20. August 2021

Hier ein Videolink zum Gebet:

https://drive.google.com/file/d/1UiBxEkCwBh7orI5zOGdj8trZJED5OGa_/view?usp=sharing

Dies ist das erste Video aus einer Reihe, die ich mal ‘Druidentum im Alltag’ nennen möchte. dabei geht es mir darum zu zeigen, wie ich meinen Glauben in meinen Alltag integrieren kann. Inhalt können Gebete, Meditationen aber auch kleine Vorträge sein. Vermutlich werdet ihr mich in den seltensten Fällen selbst zu Gesicht bekommen, aber das Video dient in erster Linie dazu, sich auf etwas fokussieren zu können.

Da wir alle immer mal einen Moment haben, in dem wir uns angeschlagen fühlen, dachte ich mir, dass dies ein passender Anfang wäre.

Ein Gebet für die Gemeinschaft in verschiedenen Sprachen

7. August 2021

In Europa sind unsere Mitglieder weit verstreut und sprechen unterschiedliche Sprachen. Dieses Gebet hat das Ziel, die Gemeinschaft über diese Entfernungen und Unterschiede hinweg zu stärken. Ihr findet hier Versionen in Bretonisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Niederländisch, Polnisch, Portugiesisch, Schottisch, Spanisch und nur so zum Spaß auch auf Lateinisch. Weitere Sprachen folgen bei Bedarf.

Anmerkung: Die Übersetzungen sind nicht auf meinem Mist gewachsen. Zum Teil haben ADF-Mitglieder mitübersetzt, und andere stammen von Deepl oder Google Translator. Fehler sind also nicht ausgeschlossen. Ihr dürft mir aber gerne Bescheid sagen, wenn da etwas komisch klingt, dann korrigiere ich den Text.

Wer eine Karte haben möchte: Klickt auf das entsprechende Bild, macht einen Rechtsklick und speichert es bei euch ab. Lasst uns mit einem guten Feuer beten!

Was ist eigentlich dieses ADF?

7. August 2021

Ár nDraíocht Féin: Das sind wir, Unser eigenes Druidentum! Der Name stammt aus dem Irischen und spricht sich Arn RI-ockt Fejn, wenn man es nicht wie die meisten einfach mit ADF abkürzen möchte. Aber was steckt dahinter?

Ursprünge und Organisationsstruktur

ADF wurde 1983 in den USA gegründet als eine heidnische Gemeinschaft. Das Ziel war es, einen Rahmen zur Verfügung zu stellen für öffentliche heidnische Rituale und die heidnische Forschung voranzutreiben. Zwei Wahlsprüche ADFs lauten nicht von ungefähr: „Mit dem Tempo einer schnell wachsenden Eiche“ und „Warum nicht Exzellenz, also wirklich gut sein?“ Jeder von uns hat etwas, worin er wirklich gut ist, und sollte danach streben, das Beste aus sich zu machen, aber es kostet auch Zeit.

ADF wird geleitet von einem Erzdruiden und dem Mutterhain (Mother grove). Diese Positionen werden regelmäßig in Wahlen neu besetzt, an denen alle Mitglieder sich beteiligen können. Aktuell ist Jean Pagano ADFs Erzdruide und Amber Doty seine Stellvertreterin. Obwohl ein Großteil der Mitglieder aus den USA und Kanada kommt, gibt es weltweit ADF-Mitglieder. Jede (Groß-) Region hat auch einen eigenen Regionaldruiden. Für Europa ist dies derzeit Rev. Ellie Lazzaro aus Deutschland.

Ritualpraxis

Trotz der druidischen Wurzeln gibt sich ADF nicht mit einem rein keltischen Ansatz zufrieden: Wir verehren alle Pantheone des indoeuropäischen Spektrums. Bei uns finden sich Anhänger der nordischen, griechischen, römischen, vedischen, gallischen, irischen, walisischen, schottischen, angelsächsischen, slawischen, proto-indoeuropäischen Götter und Geister und allem dazwischen. Weitere wichtige Elemente in unseren Ritualen sind die Verehrung der Mutter Erde, unserer Vorfahren und der Geister des Landes.

Unsere Ritualpraxis gründet sich auf Gegenseitigkeit: Wir geben, und im Gegenzug wird uns gegeben. Dieses Prinzip nennen wir nach dem proto-indoeuropäischen Wort *ghosti. Es läuft auf einen Austausch von Gaben hinaus. Wir machen den göttlichen Kräften, Geistern und Ahnen Opfergaben oder Geschenke in Form von Gegenständen, Speisen, Weihrauch, Gedichten, Liedern etc., und erhalten im Gegenzug ihren Segen und Rat. Tier- oder Menschenopfer kommen nicht in Frage. 😉

Während die ADF-Rituale einen bestimmten Rahmen haben, ist es jedoch jedermanns Privatsache, wie man seine persönliche Ritualpraxis außerhalb dieser Rituale gestaltet, und ebenso, wie man diesen Rahmen ausfüllt. Wir akzeptieren alle Formen der Verehrung und Spiritualität, es gibt hierfür keine Vorgaben. Es muss für den einzelnen funktionieren, und das unterscheidet sich von Person zu Person. Viele von uns sind auch nicht ausschließlich Mitglieder von ADF, sondern gehören auch anderen Gruppen an.

Als Druiden von ADF bemühen wir uns jedoch, ein tugendhaftes Leben zu führen – so spießig das auf den ersten Blick klingt. 😉 Wir streben danach Mut, Weisheit und Weitsicht zu erlangen, mit Pietas, Integrität und Ausdauer zu handeln und Gastfreundlichkeit, Kreativität und Mäßigkeit zu zeigen.

Gemeinschaft und Lernen

Den Mitgliedern von ADF stehen dabei verschiedene Möglichkeiten offen, um mehr zu lernen. Der DP stellt eine Art Basisprogramm da. Hierbei lernt man mehr darüber, was ADF ausmacht, was die verschiedenen Elemente des Glaubens und des Rituals beinhalten und setzt sich mit einem selbst gewählten spezifischen Pantheon näher auseinander, um seine persönlichen Erfahrungen zu machen bzw. zu vertiefen. Nach Abschluss steht es einem frei, die Studienprogramme der verschiedenen Gilden zu beginnen, oder sich für ein vertiefendes Initiandenprogramm oder ein Priesterstudium zu entschließen (oder nichts davon).

Eine weitere Möglichkeit ist der Weg des Herdhüters: Hierbei wird konkret an der Erstellung oder Erweiterung eines eigenen Hauskults gearbeitet, ob nun für sich selbst, die Familie oder eine kleine Gruppe.

Beide Programme greifen Hand in Hand, mit dem Ziel die eigene Spiritualität zu vertiefen, sind aber unabhängig voneinander durchführbar. Sie sollen dazu ermutigen, ein Verständnis für die alten Wege zu erlangen, das Wissen unserer Vorfahren zu nutzen und darauf eine moderne Ritualpraxis aufzubauen. Den Weg des Herdhüters kann man sich übrigens zum Schnuppern auch ohne Mitgliedschaft und viel Vorwissen auf der ADF-Website herunterladen und ausprobieren.

Aktuell sind beide nur in Englisch vorhanden, wir arbeiten jedoch mit Hochdruck an einer deutschen Übersetzung. Bei Fragen, Problemen etc. steht die deutsche Community natürlich auch jederzeit zur Verfügung.

Innerhalb von ADF gibt es verschiedene Gruppen, denen man sich anschließen kann: Die Kins (Sippen) beschäftigen sich mit den einzelnen Pantheonen, die Guilds (Gilden) mit verschiedenen Themenschwerpunkten wie zum Beispiel Bardentum, Liturgie, Magie, Sehertum, Tanz, Forschung, Kunsthandwerk , die SIGs (Spezielle Interessengruppen) mit weniger religiösen Themen, die dennoch unseren Alltag und Glauben berühren, wie Kinder und Elternschaft, Spiele, Mitglieder ohne Anbindung an eine Gruppe, LGBTQIA+ , Heilung, Natur, die technisch versierten Heiden etc., die Orden mit der Verehrung einzelner göttlicher Wesen. Viele Mitglieder sind auch in sogenannten Hainen (grove) oder Protohainen (protogrove) organisiert, feiern gemeinsam die Feste im Jahreskreis und organisieren andere Aktivitäten. Aktuell gibt es in Deutschland nur einen Protohain, den Adrana-Hain bei Kassel, aber mehrere unabhängige ADF-Mitglieder.

Unsere Hochfeste orientieren sich am neuheidnischen Jahreskreis mit seinen Sonnenwenden, Tagundnachtgleichen und den Quartalsfesten dazwischen. Der Schwerpunkt kann sich jedoch je nach Pantheon verschieben und um weitere Feste ergänzt werden.

Inklusion und Diversität

Wir sind nicht perfekt, aber wir streben danach, allen einen sicheren Raum zu bieten. Jeder ist willkommen, ganz egal davon, als was er oder sie sich identifiziert. Unabhängig von Religionszugehörigkeit, Nationalität, Geschlecht, Kultur und sexueller Orientierung sind alle dazu eingeladen, an unseren Ritualen teilzunehmen, unseren Weg für sich zu entdecken und die Gemeinschaft und Gastfreundschaft zu erfahren. Wir wissen die Vielfalt zu schätzen und sind der Meinung, dass es unsere Gemeinschaft stärker macht, wenn alle Mitglieder eine Stimme haben und sie auch nutzen.

Was bietet ADF nun, was andere nicht haben?

Ehrlich gesagt- ich weiß es nicht genau, da ich nie Mitglied einer konkreten Gruppe gewesen bin. Aber ADF erlaubt mir, meinen eigenen Stil zu entwickeln, mit meinen persönlichen Ansichten und Vorgehensweisen, ohne Dogmen und erhobenen Zeigefinger. Gleichzeitig bin ich dort Teil einer Gemeinschaft mit einem bestimmten Rahmen, der es mir ermöglicht, mit den anderen ohne Probleme zu interagieren. Das finde ich einerseits sehr befreiend, und andererseits gibt es mir ein Gefühl von Geborgenheit. Für mich ist und war es der richtige Weg, ob es das auch für dich ist, musst du selbst herausfinden. Sei uns herzlich willkommen!

Druidentum im Alltag

7. August 2021

Eines vorweg: Ich hasse es, Tagebuch führen zu müssen. Täglich aufzuschreiben, was man wann wie wo und warum gemacht hat – es ist einfach nicht mein Ding. Und so war auch eines der größten Probleme am Anfang meines Dedikantenpfads die Aufgabe, über mehrere Monate hinweg meine spirituelle Entwicklung dokumentieren zu müssen. Glücklicherweise liegt diese Zeit inzwischen lange hinter mir… Geblieben sind ein paar Routinen, und ein paar neue sind hinzugekommen.

Als Mutter von 2 Kindern und selbstständige Therapeutin bleibt mir im Alltag nicht so wahnsinnig viel Zeit für ausgiebige Rituale. Entweder fordert der Haushalt meine Aufmerksamkeit, meine Familie sehnt sich nach mir oder irgendetwas Berufliches muss noch dringend erledigt werden. Also war mir von Anfang an wichtig: Was auch immer ich tue, es darf nicht viel zusätzliche Zeit kosten.

Außerdem ist da das Problem der Multireligiosität oder besser gesagt, der Abwesenheit von Religiosität in meiner kleinen Familie. Religion, Glaube, Kultausübung, wie auch immer man es nennen mag, ist vornehmlich mein persönliches Ding. Die übrigen Familienmitglieder nehmen es zur Kenntnis und gehen ihren eigenen Interessen nach. Ein gemeinsamer Hauskult oder Familienrituale waren damit ausgeschlossen.

Was also tun? Zunächst mal habe ich mir eine Ritualtasche zusammengestellt. Ein Haus mit Garten bedeutete für mich eine Möglichkeit, meine Rituale draußen weitgehend ungestört abhalten zu können. Allerdings dauerte es eine ganze Weile, bis aus einem mobilen Ritualset, das spontan an einem Tischchen hinten im Garten ausgepackt werden konnte, ein fester Nemeton mit Votivtafel für Mutter Erde, einem kleinen gemauerten Schrein für ein paar Götterfiguren, einem Ahnenbaum und einem Altartischchen wurde. Die Ritualtasche besteht nach wie vor, denn unsere tierischen Nachbarn erwiesen sich als recht begabt darin, die Plastiktruhe zu öffnen, die ich im Nemeton deponiert hatte, und sich über meine dort gelagerten Ritualvorräte herzumachen. Da ich meine Zweifel hatte, ob so viel Kerzenwachs gut für Vogelbäuche wäre, kamen die Vorräte also zurück in die Tasche und werden getreulich jedesmal bei Bedarf nach draußen geschleppt. Nur eine Laterne, die die Flamme vor Wind schützt, das Räuchergefäß, eine Zange und ein Handkehrer liegen dort dauerhaft bereit.

Und ein Ritual mit voller Ritualgrundstruktur halte ich seit Beginn mit wenigen Ausnahmen an jedem Wochenende ab. Diese eine halbe bis volle Stunde gönne ich mir. Manchmal gerät das Ganze etwas aufwändiger, manchmal ist es eher minimalistisch, aber ich merke, dass ich unruhig werde, wenn es Sonntagnachmittag wird und ich noch nicht hinten war.

Eine morgendliche Meditation, geschweige denn ein Devotional, das ist im morgendlichen Alltagsstress einfach nicht drin. Aber jeden Morgen starte ich mich demselben Spruch, wenn ich mir im Badezimmer das Gesicht wasche: „Lasst mich diesen Tag leben mit dem Segen der Götter, mit dem Rückhalt der Ahnen und unter dem Schutz der Naturgeister. Lasst mich leben nach eurem Rat und meinem Willen.“ Damit gehe ich hinaus in den Tag.

Seit einigen Monaten ist etwas Neues morgens hinzugekommen. Mein großer Sohn fährt mit dem Fahrrad zur Schule. Er hatte immer schon etwas Verträumtes, Unaufmerksames an sich, und erforderte mehr Fürsorge meinerseits. Inzwischen wissen wir, dass es eine medizinische Ursache hat. Während des letzten Jahres hatte er sehr viel Distanzunterricht, aber seit er wieder zur Schule fährt, bitte ich morgens die Kindred darum, dass sie ein Auge auf ihn haben, wenn er meinen Einflussbereich verlässt. Dafür teile ich dann meinen Cappuccino mit ihnen. Meine katholische Mutter hat uns früher manchmal ein Kreuzchen auf die Stirn gemalt, bevor wir zur Schule fuhren, vielleicht haben wir da dann ein paar Gemeinsamkeiten.

Auf meinem Indoor-Schrein (den habe ich inzwischen, in einem Flur zwischen Küche und Wohnzimmer, wo er nicht stört, aber ich täglich mehrfach dran vorbeikomme) platziere ich gerne Gebetskarten mit meist selbstgeschriebenen Texten zu wechselnden Anlässen, oft mit einem brennenden Kerzchen oder einer LED-Kerze. Das kann eine Bitte um Hilfe für jemanden sein, eine Danke für eine besondere Sache, oder ein Devotional anlässlich eines Feiertags. So integriere ich schnell kurze Momente der Andacht in den Alltag. Die Gebetskarten findet ihr natürlich auch hier im Blog, zumindest die meisten davon.

Und auch draußen bieten sich immer wieder kleine Momente, die Umgebung bewusst wahrzunehmen, schöne Anblicke zu genießen und solche Augenblicke in sich aufzusaugen: einen Blühstreifen am Feldrand, einen besonders spektakulären Sonnenuntergang, ein kurios geformter Baum…

Ein weiterer Aspekt, den ich in den Alltag zu integrieren versuche, sind ADFs Tugenden. Das Bedürfnis, regelmäßig Rituale abzuhalten, ist sicher ein Teil davon (nämlich Pietas, ein Begriff, mit dem ich mich sonst eher schwer tue). Aber durch die Auseinandersetzung damit erlebe ich meine Umwelt auch bewusster. Umweltschutz und Klimaschutz sind ein Bereich, aber auch ein besseres Wissen um die Pflanzen und Tiere um mich herum. Zu wissen, dass er Baum ganz hinten eine Golderle ist und nicht ein weiterer verflixter Ahorn (Ahorn haben wir reichlich ;)) und die Bachstelze im Vorbeifahren als solche zu erkennen oder den Eichelhäher, der sich auf der Straße ein Wer-macht-wem-Platz-Duell mit mir geleistet hat. Gartenpflege gehört dazu, aber auch die Pflege der eigenen Gesundheit. Da man mich jahrzehntelang als völlig unsportliches Wesen abgestempelt hat, hatte ich kein besonderes Interesse daran, irgendeine Sportart regelmäßig auszuüben. Dass mir das in den letzten Monaten gelungen ist, darauf bin ich ganz schön stolz. Zu den Yogaeinheiten gehört immer auch eine Schlussentspannung. Meistens dauert sie nur 1-2 Minuten, aber das reicht ja auch. Wenn ich da so rumliege, versuche ich die “Zwei Kräfte-Meditation” des ADF damit zu kombinieren: Beim Eintatmen ziehe ich das Wasser aus der Tiefe nach oben, beim Ausatmen ziehe ich das Licht des Himmels herunter, bis sich beide in mir mischen. Wenn ich das ausnahmsweise im Stehen mache, nutze ich auch Handbewegungen dazu, die ich an den Atem kopple.

Integrität gehört ebenfalls dazu: Was ist mir wichtig, wofür möchte ich stehen? Da wird man zwangsläufig auch politisch aktiv.

Eine weitere Tugend ist die Schaffenskraft: Und ich mag zwar eher unsportlich sein, aber ich bin gerne kreativ. Da trifft es sich gut, dass mir Unser eigenes Druidentum viele Möglichkeiten bietet, dies auszuleben. Eigene Lieder und Gebete zu schreiben, meine eigenen Götterfiguren aus selbsttrocknendem Ton herzustellen oder auf Stein zu malen, anlässlich der Hochfeste etwas Passendes zu backen oder zu basteln -all das hilft mir mich mehr mit den Kindred auseinanderzusetzen, meine Verbindung zu vertiefen oder auch erst mal eine zu schaffen.

In einem Jahr habe ich für jede Woche ein Gebet zu einer anderen Gottheit geschrieben (und genutzt). Manche davon waren sozusagen Stammgäste, aber mit anderen hatte ich bislang nie zu tun. Da in Unserem eigenen Druidentum (das ist die wörtliche Übersetzung von ADF) alle Pantheone des indo-europäischen Spektrums verehrt werden, ist das Angebot sehr groß. In der Regel entscheidet man sich für ein Pantheon, in meinem Fall 2, mit dem man regelmäßig arbeitet. Ist man Teil einer Gruppe, kann es auch sein, dass bei Gruppenritualen andere Götter verehrt werden als privat. Im Gegensatz zu den meisten meiner Mitdruiden bin ich nicht so extrem auf die Individualität der einzelnen Gottheiten versessen, sondern sehe sie mehr als abstrakte Repräsentationen. Da ich ja meist allein unterwegs bin und nicht an einen Hain angeschlossen, ist das auch kein Problem. ADF mag eine Religion sein und als solche ihre Dogmen haben, aber seit der Gründung ist das für mein Gefühl deutlich entspannter geworden.

Um so ein Gebet schreiben zu können, muss ich mich natürlich vorher ausgiebig mit der jeweiligen Gottheit beschäftigen: Welche Beinamen hat sie, welche Symbole, welche Attribute, welche Geschichten/Mythen gibt es zu dieser Gottheit, was bringt man mit ihr in Verbindung, in welcher Form könnte sie für mich eine Bedeutung haben, unter welchen Aspekten kann und möchte ich mir ihr annähern? In manchen Fällen hat mir das ganz neue Welten eröffnet -Sigyn, Hekate, Svarog, Mannanan hatte ich vorher nicht so wirklich auf dem Schirm- und andere Gottheiten sind mir weiter fremd geblieben – Poseidon oder die Morrighan zum Beispiel. Einige von diesen 52 sind mir treu geblieben (oder ich ihnen).

Wenn man sich dazu entscheidet, den Dedikantenpfad zu gehen, dann ist einer der ersten Schritte, dass man ein Pantheon wählt, mit dem man sich zu diesem Zweck auseinandersetzen möchte. Ich hatte zuvor keine speziellen Götter, mit denen ich gearbeitet habe und hatte somit die Qual der Wahl. Letztlich habe ich mich für einen Mix aus nordisch-germanischem und gallischem Pantheon entschieden, da diese in der Region, in der ich lebe, beide angebetet wurden. Bei manchen der uns heute bekannten Gottheiten hier ist nicht mal sicher, ob sie nun germanisch oder gallisch waren. Insofern finde ich den Mix ganz passend. Andere orientieren sich eher irisch-keltisch, aber es gibt auch Druiden in Unserem eigenen Druidentum, die römisch, slawisch, vedisch oder hellenistisch orientiert sind.

Spannend finde ich persönlich es, auf den Spuren jener alten Götter zu wandeln und sie hier in der Umgebung wiederzuentdecken. Ob Nehalennia, die im niederländischen Cuijk ganz in der Nähe einen Tempel hatte, oder die Matronen, von deren Tempel noch ein paar Reste in Xanten stehen (hinter einem Bauzaun außerhalb des APX), der Hinweis darauf, dass es Matronae Nersihennae gegeben hat, Matronen mit Bezug zum Fluss Niers, der direkt hinterm Haus vorbeifließt, oder den Mars Camulus Stein, der als Altar in einer katholischen Kirche in Rindern steht….

Mein privates Projekt auf längere Zeit gesehen ist es, Steine mit lokalen Gottheiten zu bemalen und an verschiedenen passenden Stellen in der nähere Umgebung zu platzieren, ähnlich wie die vielen Wegkreuze und Marienschreine hier an Häusern und Straßen, nur etwas unauffälliger.

Jetzt könnte man denken: Sie ist allein, ohne eine Gruppe, das muss doch ziemlich einsam sein. Ist es auch manchmal, klar. Aber zum Einen ist es auch von Vorteil, weil man dabei sehr flexibel in seiner Planung ist, und so allein bin ich ja gar nicht. Nur physisch. Denn meine Rituale laufen nach den gleichen Strukturen ab wie die der anderen ADF-Mitglieder, und wir feiern zu denselben Anlässen. Wir sprechen dabei gerne von einem Baum, der viele Äste hat, die durch denselben Stamm miteinander verbunden sind, oder von vielen Herdfeuern, die eine gemeinsame Flamme bilden. Online bin ich gut eingebunden in einer Gemeinschaft, über Social Media Gruppen, E-Mail-Listen oder gemeinschaftliche Projekte wie gemeinsame Ritualvideos, zu denen viele Leute einen Teil beitragen.

Ohnehin macht diese Freiheit für mich einen großen Teil des Reizes des Heidentums allgemein aus. Ich stehe ständig vor der Herausforderung, herauszufinden, was meine Haltung zu allen möglichen Themen ist. Ohne ein vorgegebenes Dogma bleibt mir nichts anderes übrig. Dadurch entstehen natürlich riesige Unterschiede zwischen den Standpunkten der verschiedenen Heiden. Steckt man 5 Heiden in einen Raum, wird man 5 verschiedene Standpunkte bekommen. Das ist auch in unserem Druidentum nicht viel anders. Die Schnittmengen sind allerdings etwas größer. Hier haben wir aber wieder eine Verbindung zu den Tugenden und der Frage nach den eigenen Werten. Es gibt übrigens durchaus heidnische Gruppierungen, die ihren Mitgliedern wesentlich konkretere Rahmen setzen, was sie wie zu tun haben. Das wäre ja mal so gar nichts für mich.

Einige wenige Rituale habe ich übrigens doch mit meiner Familie gefeiert: Für Mittwinter haben wir uns beispielsweise ein paar Elemente zusammengestellt, die jedes Jahr wiederkehren. Da ist der Adventskranz, der rückwärts abbrennt (4 Kerzen zu Beginn, und jede Woche wird es eine weniger, bis der Kranz dunkel ist und an Mittwinter dann wieder komplett angezündet wird), und eine Kerzenjagd durchs dunkle Haus, bei der Kerzen in jedem Zimmer angezündet werden – Teelichter in großen Gläsern, damit nichts passieren kann.

Auf meinem Indoor Schrein brennt gleichzeitig ein Set von Futhark-Kerzen, eine andere Variante des Adventskranzes. Wer mehr darüber wissen will, der google bitte nach dem Begriff „Väntljustaken“. Die gallische Variante mit einem 21-teiligen Kerzenset ist bislang nur auf Englisch verfügbar – ich habe sie mir selbst übersetzt und auch angewendet, komme aber mit den Futhark-Kerzen persönlich besser zurecht.

Ich empfinde des Druidentum für mich als eine Bereicherung für mein Leben und meinen Alltag.