Geschichte: Wie die Tochter der Lüfte den Kosmos formte – ein finnischer Mythos für Kinder erzählt

3. März 2018

Einst gab es nur Wasser und Wind. Leben gab es keines, wie wir es kennen. Mit dem Wind dahin trieb die Ilmatar, die Lüftetochter, durch die Leere. Es gab gar nichts zu gucken, nichts zu erleben. Es gab einfach nichts. So ging es für lange Zeit. Irgendwann wurde es dem Mädchen zu langweilig. Sie ließ sich hinab auf die Wellen sinken. Da kam ein Sturm auf: Der Wind tobte, das Meer brauste und die Wellen umspülten sie. Der Ostwind verband sich mit der rauen See und hauchte ihr Leben ein: Die junge Frau wurde schwanger.

Ihre Schwangerschaft dauerte lange: 700 Jahre trieb die Lüftetochter über das Meer, alle Ecken des Ozeans besuchte sie, aber das Kind wollte nicht kommen. Irgendwann wurden ihr die Schmerzen zuviel und sie klagte dem Universum ihr Leid: „Wieviel besser wäre es jetzt, mit dem Wind dahin zu fliegen, als hier im Wasser darauf zu warten, dass mein Kind geboren wird. Ich arme Wassermutter!“ Und sie bat Ukko, den Gott des Himmels, um Hilfe.

Ukko hörte ihre Klage, und er hatte Mitleid mit ihr. Er sandte eine Ente, ein Tier des Wassers und der Luft, hinab zu ihr. Die Ente flog über das Meer und suchte nach einem Plätzchen, wo sie ihr Nest bauen könnte. Aber weit und breit war keine Insel zu sehen, kein sicherer Fleck.

Schließlich erspähte der Vogel doch noch einen Ort, den er für einen grasbewachsenen Hügel hielt. Es war das Knie der Wassermutter, denn das war nun Windstochters neuer Name. Dort ließ die Ente sich nieder und baute ihr Nest. Sie legte sechs goldene Eier und ein siebtes aus Eisen, setzte sich auf das Nest und begann eifrig zu brüten. Sie brütete einen Tag, zwei Tage, drei Tage.

Am dritten Tag hielt die Wassermutter die ungewohnte Hitze auf ihrem Knie nicht mehr aus. Sie reckte und streckte sich und schüttelte ihre Glieder. Dabei fielen die Eier ins Wasser und zerbrachen. Doch was für ein Glück: Die Stücke der Schale verkamen nicht etwa im Schlamm am Meeresgrund, sondern aus dem unteren Schalenstück wurde die Erdkrümmung und das obere Stück formte die Himmelswölbung. Das Eigelb blieb am Himmel und wurde zur Sonne. Das Eiweiß verwandelte sich in Mond und kleine Schalensplitter in Sterne. Dunkle Schlieren wurden zu Wolken am Himmel.

Schließlich, im zehnten Sommer, spürte die junge, schöne Frau, wie sich in ihr etwas regte: Die Wehen setzten ein, und sie wand sich hin und her.

Wo sich ihre Hand festkrallen wollte, formten sich Landspitzen. Wo ihr Fuß lag, entstanden Senken, in denen Fische leben konnten und Schluchten, in denen sich Lachse zu Hause fühlen konnten. Tiefe Meeresschluchten bildeten sich, wo ihr Körper im Wasser versank. Dort, wohin sich ihre Hüfte drehte, tauchten flache Uferstrände aus dem Wasser auf, und wenn sie ihren Kopf dem Land entgegenstreckte, formten sich breite Buchten. Zwischen den Wehen ruhte sie sich aus, und trieb ein wenig weiter aufs Meer hinaus. Dabei entstanden Klippen und gefährliche Riffe im Meer, die später noch oft Schiffen zum Verhängnis werden sollten.

So schuf sie Inseln mit Feldern und Wiesen und mit felsigen Gebirgen, die zum Himmel aufragten.

Und doch dauerte es insgesamt 30 Jahre, bis Wäinämöinen, der Sänger, endlich geboren wurde! Lange wartete er darauf, dass Sonne, Mond und Sterne ihm in Bauch seiner Mutter scheinen würden. Doch nichts geschah.

Endlich, endlich fasste das Kind seinen ganzen Mut zusammen und verließ die dunkle Enge des Mutterleibs. Mit aller Kraft durchstieß es die Pforte und stürzte sich kopfüber in die Wellen.

Acht weitere Jahre dauerte es, bis das Kind schließlich eine Landzunge erreichte und an Land ging. Staunend blickte Wäinämöinen zum Himmel empor und bewunderte Sonne, und Mond und die Sterne des Großen Bären, die nun auf ihn herableuchteten. Wäinämöinen, den man später den Weisen nennen sollte, was geboren! Und auf diesem Weg gab Ilmatar, die Wassermutter und Lüftetochter, auch dem Kosmos, wie wir ihn kennen, seine Form.

(free retold, based on „Kalevala.“, Rune 1, translated by Anton Schiefner, Bibliotheca Augustana. N.p., n.d. Web. 24 May 2017.

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